«Italien ist keine Drei-Monats-Story»

Italiens neuer Regierungschef Matteo Renzi muss einen langen Atmen haben, sagt sein Landsmann Cosimo Marasciulo im cash-Video-Interview. Der Leiter Staatsanleihen Europa bei Pioneer gibt einen Outlook für Bondrenditen.
26.02.2014 11:27
Von Daniel Hügli, Frankfurt
Cosimo Marasciulo im cash-Video-Interview.
Bild: cash

Nach dem Senat hat am Dienstagabend auch das Abgeordnetenhaus dem neuen italienischen Regierungschef Matteo Renzi die Unterstützung für seine Reformpläne ausgesprochen. "Ok im Senat, jetzt das Abgeordnetenhaus. Dann beginnen wir ernsthaft zu arbeiten", schrieb Renzi auf Twitter voller Tatendrang.

Der jüngste Premierminister, den Italien je hatte, will aufs Tempo drücken und schon innerhalb der kommenden Monate erste Erfolge erzielen - seine ersten Schritte werden daher mit Spannung verfolgt.

Dies vor allem auch von den Investoren an den Kapitalmärkten, welche die Notierungen von Staatsobligationen steuern und unter Umständen über Wohl und Wehe von Regierungen entscheiden können. Einer von ihnen ist Cosimo Marasciulo, selbst Italiener. Der Leiter Staatsanleihen und Währungen Europa bei Pioneer Investments ist beeindruckt vom bereits "hohem Engagement" der neuen Regierung, wie er im cash-Video-Interview am Institutional Money Kongress in Frankfurt erläutert. Marasciulo hält auch viel vom neuen Wirtschafts- und Finanzminister Pier Carlo Padoan, dem bisherigen OECD-Chefökonomen.

Renzi will das hoch verschuldete und in anhaltender Rezession steckende Italien grundlegend reformieren. Renzi, Chef der grössten Regierungspartei PD, gilt als schneller, unideologischer Vollstrecker. Ungewöhnlich zügig vereinbarte er ein Regierungsprogramm und Personalfragen mit den Koalitionspartnern. Schon bis Ende Februar stehen Reformen des Wahlrechts und der Institutionen auf seiner Agenda, im März die Reform des Arbeitsmarktes, im April die Umstrukturierung der Verwaltung und im Mai eine Steuerreform.

"Was die neue Regierung erledigen muss, ist allerdings keine Drei-Monats-Story", gibt Staatsanleihen-Spezialist Marasciulo zu bedenken. "Strukturelle Reformen in Italien brauchen eine lange Zeit, bis sie in der Wirtschaft umgesetzt sind." Bis man die Effekte punkto Reformen etwa bei den Lohnstückkosten sehe und Italien somit etwa gegenüber Deutschland wieder wettbewerbsfähig werde, müsse man mit etwa vier Jahren rechnen, so Marasciulo.

Noch immer steigende Lohnstückkosten

Italien hat noch immer steigende Lohnstückkosten und bildet damit mit Frankreich die Ausnahme unter jenen Ländern im Euroraum, die dringend Reformen durchführen müssen. Bei anderen Problem-Ländern wie Irland, Griechenland oder Spanien sind die Lohnstückkosten zum Teil drastisch gesunken. Marasciulo lässt es offen, ob Renzi bei den Reformen in Italien erfolgreicher sein wird als seine Amtsvorgänger.

Das derzeitige Anlageumfeld für Bonds bezeichnet Marasciulo als schwierig, auch in Europa. "Wir bewegen uns in einem Gebiet, in dem alles teuer erscheint. Aber wir können auch nicht sicher sein, als seien wir nahe an einem Bärenmarkt bei Zinsen und Spreads. Das macht dieses Anlagejahr sehr kompliziert. Wir befinden uns eher in einem Umfeld von Handelsspannen als in einem Trendmarkt."

Die langfristigen Zinsen haben seit Mai 2013 tendenziell nach oben gedreht, was sich negativ auf die Kurse von Obligationen auswirkt. Die Leitzinsen hingegen sind nach wie vor tief. Beobachter rechnen im Euroraum gar mit einer weiteren Leitzinssenkung.

Weltweit bestimmt aber die weitere Drosselung der Geldschwemme in den USA ("Tapering") den Verlauf der Renditen. Denn die neue Chefin der US-Notenbank, Janet Yellen, will ungeachtet der sich wieder verlangsamenden Konjunkturerholung in den USA die milliardenschweren Geldspritzen weiter verringern.

"In der ersten Hälfte des Jahres 2014 wird das Tapering die Renditen der US-Staatsobligationen weiter nach oben treiben. Eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums, die auch von den Schwellenländern kommen wird, unterstützt aber die Kurse der Staatsanleihen in der zweiten Hälfte des Jahres", sagt Marasciulo im Video-Interview.

Die Mehrheit der Marktbeobachter geht derzeit von einer Normalisierung des Zinsniveaus in den kommenden zwei Jahren aus. Von einem normalen Zinsniveau spricht man bei 4,5 Prozent in den USA. Derzeit liegen die langfristigen Zinsen in den USA bei 2,7 Prozent.
 

Im cash-Video-Interview äussert sich Cosimo Marasciulo detailliert zu Italiens neuer Regierung und zu den Renditeaussichten.