KartellvorwürfeDeutsche Autobranche noch stärker unter Druck

Der Diesel- und Abgasskandal setzt die deutschen Auto-Hersteller immer stärker unter Druck.
22.07.2017 16:04
Desk von Volkswagen Financial Services in Berlin mit den Emblemen der Konzernmarken.
Desk von Volkswagen Financial Services in Berlin mit den Emblemen der Konzernmarken.
Bild: cash

Dem Magazin "Der Spiegel" zufolge haben sich die fünf führenden Marken über Jahrzehnte hinweg bei technischen Standards rechtswidrig abgesprochen. Dabei sei es nicht nur um Motorentechnik, sondern auch um andere Innovationen und auch um Zulieferer gegangen. Im Raum steht deshalb der Verdacht von Verstössen gegen das Kartellrecht. Klar Stellung zu den neuen Vorwürfen bezog am Samstag aber zunächst keines der Unternehmen. Diese sprachen nur von "Spekulationen". Die Bundesregierung forderte das Kartellamt zu Ermittlungen auf.

"Zu Spekulationen und Sachverhaltsvermutungen auf Grundlage der Spiegel-Berichterstattung äussern wir uns nicht", sagte Volkswagen-Chef Matthias Müller in einem Interview der "Rheinischen Post". BMW teilte dem "Spiegel" mit, sich nicht an Spekulationen beteiligen zu wollen. Ähnlich äusserte sich Daimler gegenüber dem Magazin.

Die Branche soll sich seit den 90er-Jahren in geheimen Arbeitskreisen über die Technik ihrer Fahrzeuge, Kosten, Zulieferer, Märkte, Strategien und sogar die Abgasreinigung der Dieseltypen abgesprochen haben. Der "Spiegel" beruft sich dabei auf einen Schriftsatz, den VW bei den Wettbewerbsbehörden eingereicht haben soll. Dieser sei eine Art Selbstanzeige.

Unterlagen beschlagnahmt

Treffen die Vorwürfe zu, könnte es sich um eines der grössten Kartelle der deutschen Wirtschaftsgeschichte handeln. Laut "Spiegel" prüft die EU-Kommission bereits den Fall. Sie habe bei den beteiligten Unternehmen - VW, Audi, Porsche, BMW und Daimler - Unterlagen beschlagnahmt und erste Zeugen befragt.

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte auf Anfrage: "Kartellrechtliche Absprachen wären eine zusätzliche Belastung für die Thematik, die wir gerade mit der Automobilindustrie haben. Die Kartellbehörden müssen ermitteln, die Vorwürfe detailliert untersuchen und gegebenenfalls notwendige Konsequenzen ziehen", ergänzte der CSU-Politiker.

Kritik an der Branche und der Politik kam von Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer: "Die Glaubwürdigkeit wird noch stärker erschüttert. Kein Mensch glaubt mehr an den Diesel", sagte der Professor für Automobilwirtschaft an der Universität Duisburg-Essen dem MDR. Die Politik habe die Unternehmen zu lange und zu stark geschützt: "Und diese guten Beziehungen, sie waren eben zu gut. Man hat zu viel gemeinsam gemacht." Warnungen und Abmahnungen aus Brüssel über Stickoxide seien nicht ernst genommen worden. Es sei in Deutschland alles getan worden, um die Autobranche und die Schlüsseltechnik Diesel zu schützen. "Und erreicht hat man genau das Gegenteil", so Dudenhöffer.

Diesel-Technik steht zur Disposition

Mittlerweile findet aber ein Umdenken statt - weil die Verkaufszahlen nicht mehr stimmen und Kunden nach Alternativen Ausschau halten. "Warum soll ich krampfhaft an einem Diesel festhalten?", fragte Porsche-Finanzchef Lutz Meschke in einem Gespräch mit der "Automobilwoche". Die Diskussion über die Zukunft der Technik werde intensiv geführt. Die Nachfrage nach elektrisch angetriebenen Autos steige. "Die Elektromobilität ist nicht aufzuhalten, weil es auch die Kommunen so wollen."

Auch bei Seat - wie Porsche eine Marke aus dem VW-Konzern - wird ähnlich gedacht: "Wir haben eine Dieseltradition, aber wir müssen die Marktdynamik sehr genau beobachten", sagte Seat-Chef Luca de Meo: "Wenn der Bürgermeister von Barcelona beschliesst, das Stadtzentrum für Euro-6-Diesel zu schliessen, werden die Leute kaum noch Dieselfahrzeuge kaufen." VW-Chef Müller sagte, der Konzern habe einen Plan aufgesetzt, um bis 2025 mehr als 30 neue, reine E-Autos anbieten zu können. "Jeder weiss, dass die Zukunft elektrisch fährt." Beim Diesel-Gipfel von Industrie und Politik Anfang August müsse es eine Lösung auf Bundesebene geben, die für alle Kunden verbindlich sei. "Die Verunsicherung ist ja gross. Das spüren wir auch an den Diesel-Bestellungen, die merklich zurückgegangen sind."

Laut Dobrindt wird es den Diesel als Übergangstechnologie aber noch viele Jahre geben. "Wir brauchen ihn auch, um die Klimaschutzziele bei der CO2-Einsparung zu erreichen", sagte er dem "Focus". Der Dieselskandal sei eine Belastung für die ganze Branche in Europa. "Alle Hersteller müssen Vertrauen zurückgewinnen. Das geht nur mit ehrlicher Bereitschaft zur Aufklärung, Offenheit und Transparenz."

(Reuters)