Konjunktur - Brexit? Frankreich sorgt sich eher um die deutsche Konjunktur

Frankreich handelt mit Deutschland drei Mal mehr als mit Grossbritannien. Wichtiger als der Brexit ist daher für Paris die Frage, ob Deutschland ein Konjunkturprogramm auflegen wird.
21.09.2019 07:55
Französische Tricoloren an einem Amtsgebäude der Republik.
Französische Tricoloren an einem Amtsgebäude der Republik.
Bild: Pixabay

Der nahende Brexit beherrscht auch in Frankreich die Schlagzeilen. Doch viel mehr sorgen sich Wirtschaft und Regierung um den Abschwung in Deutschland. Der Handel mit dem Nachbarn ist schliesslich dreimal so gross wie der mit Grossbritannien. "Wir sind mehr um Deutschland besorgt als um den Brexit", sagt ein leitender Mitarbeiter des Finanzministeriums. "Wir haben mit Deutschland viel mehr zu tun."

Bislang hält sich die zweitgrösste Volkswirtschaft der Euro-Zone ganz ordentlich angesichts der widrigen Rahmenbedingungen, zu denen nicht nur die Unsicherheiten um den geplanten EU-Austritt Grossbritannien zählen, sondern auch die von US-Präsident Donald Trump angefachten Handelskonflikte und die schwächere Weltkonjunktur.

Frankreich wächst besser als Deutschland

Das Finanzministerium in Paris erwartet in diesem Jahr ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 1,4 Prozent. Das ist etwa das Dreifache dessen, was führende Institute derzeit für Deutschland als Europas Nummer eins veranschlagen. Während die Wirtschaft links des Rheins im vergangenen Quartal um 0,3 Prozent wuchs, schrumpfte sie auf der anderen Seite um 0,1 Prozent.

Allerdings fragen sich manche Experten, ob die deutsche Schwäche nicht früher oder später herüberschwappt. 15 Prozent des französischen Aussenhandels - Exporte und Importe - werden mit Deutschland getätigt. Der Autozulieferer Faurecia etwa macht fast ein Fünftel seines Umsatzes mit Volkswagen.

Bei Konkurrent Valeo sind es sogar 31 Prozent, beim Maschinenbauer Akka 29 Prozent. Grossbritannien ist lediglich der siebtgrösste Partner noch hinter dem deutlich kleineren Belgien und steht nur für 5,2 Prozent des französischen Handels.

In Paris wird deshalb darauf gehofft, dass die deutsche Regierung möglichst bald ein Konjunkturpaket schnürt und so die Wirtschaft ankurbelt. "Es ist wichtig, vorbeugende Massnahmen zu ergreifen, bevor es zu spät wird, und nicht erst zu reagieren, wenn eine Krise ausgebrochen ist", sagte eine weiterer ranghoher Mitarbeiter des französischen Finanzministeriums.

Frankreich öffnet die Staatskasse

Frankreich selbst hat in diesem Jahr bereits ein Massnahmenpaket im Wert von mehr als zehn Milliarden Euro aufgelegt, das Steuererleichterungen und Bonusprogramme für die ärmsten Arbeitnehmer und Rentner vorsieht.

In den britischen Medien wird Frankreich immer wieder vorgeworfen, einem Kompromiss im Brexit-Streit zwischen der EU und der Regierung in London im Weg zu stehen - auch angesichts der vergleichsweise geringen wirtschaftlichen Folgen, die in Paris vom Brexit erwartet werden. Abgesehen von einigen kleinen Firmen seien die französische Unternehmen auf den Brexit vorbereitet, heisst es im Finanzministerium. Insgeheim wird sogar darauf gehofft, vom EU-Austritt zu profitieren.

Inzwischen sind rund 50 zuvor in London ansässige Finanzunternehmen nach Paris umgezogen und haben 2000 Arbeitsplätze mitgebracht, sagte der Chef der französischen Zentralbank, Francois Villeroy de Galhau. "In der schlechten Nachricht vom Brexit liegt eine Chance für uns." 

(Reuters)