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«Konjunktur geht etwas der Atem aus»

In der Schweiz und anderen Ländern hat sich das Konjunkturklima abgewächt, die Prognosen werden pessimistischer. Woran das liegt, erklärt der Ökonom Felix Brill von Wellershoff & Partners im cash-Börsen-Talk.
10.10.2014 01:00
Von Marc Forster
Felix Brill, Chefökonom bei Wellershoff & Partners, im cash-Börsen-Talk.
Bild: cash

Die Zahlen haben aufgeschreckt: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat die 2014er-Wachstumsprognose für die Schweiz von 2,1 auf 1,3 Prozent heruntergeschraubt. Auch die Voraussagen für die Eurozone und die USA nahm die Organisation zurück. Und aus Deutschland kommen trübe Nachrichten, zuletzt mit der Meldung, dass der Export eingebrochen ist.  

Sowohl die Schweiz als auch Deutschland spürten den aussergewöhnlich kalten Winter, sagt Felix Brill, Chefökonom beim Beratungsbüro Wellershoff & Partners, im cash-Börsen-Talk. Darüber hinaus scheine nun die trotz Schuldenkrise gut laufende "Sonderkonjunktur" in beiden Ländern etwas der Schnauf auszugehen. 

In der Schweiz werde der Effekt, der durch die Zuwanderung und die Bauwirtschaft getrieben worden sei, schwächer und somit werde die Binnenkonjunktur langsamer. Der Export kann das nicht ausgleichen, denn auch aus dem Ausland kommen laut Brill wenig Impulse. Die Schweiz müsse sich daher auf eine Verschlechterung der Konjunktur einstellen. Gleichzeitig weist Brill aber auch darauf hin, dass Prognosen immer eine gewisse Fehleranfälligkeit haben. 

Kreditvergabe stockt weiter

Deutschland, der wichtigste Handelspartner der Schweiz, leide unter einer eingetrübten Stimmung in der Wirtschaft, zu der nicht zuletzt die Sanktionen westlicher Länder gegen Russland beitrügen. Die Weltwirtschaft insgesamt entwickelt sich nach Brill aber relativ gut, wobei er eine starke Beschleunigung in der zweiten Jahreshälfte nicht erwartet.

Grundsätzlich einverstanden ist Brill mit der Politik der Europäischen Zentralbank (EZB), die mit einer Politik des billigen Geldes und der Ankündigung von Anleihenkäufen die Lage in der Eurozone zu stabilisieren versucht. Beim Reformwillen in einigen Euro-Ländern, den unter anderem der EZB-Präsident Mario Draghi schon wiederholt als mangelhaft kritisiert hat, sieht Brill weniger Probleme: "Die Regierungen machen schon selber ihren Job." Es gehe zum Teil etwas unter, dass Veränderungen schon in die Wege geleitet worden seien. 

"Fed strapaziert etwas ihr Glück"

Noch nicht gefruchtet hätten allerdings die Bemühungen der EZB, die Kreditvergabe anzukurbeln. Mit Negativzinsen für Überschussliquidität und der gleichzeitigem Aufforderung an die Banken, Liquidität zu beziehen, gebe die Euro-Notenbank unterschiedliche Signale an die Finanzinstitute, welche die Realwirtschaft mit mehr Kapital versorgen sollten: "Wenn ich doch eigentlich schon Liquidität und keine grossen Refinanzierungsprobleme habe, warum sollte ich dann im grossen Stil neue Liquidität nachfragen?", fragt sich Brill.

Für Aufregung an den Finanzmärkten sorgt auch immer wieder die Geldpolitik der US-Notenbank. Diese hat am Donnerstag durchblicken lassen, eine Erhöhung der Leitzinsen erst im dritten Quartal und nicht wie bis anhin erwartet bis Mitte 2015 in Erwägung zu ziehen. Eine zu zögerliche Haltung der Währunghüter in Washington stösst bei Brill aber auf begrenztes Verständnis: "Die Vertreter der Fed strapazieren auch etwas ihr Glück, denn die Konjunktur läuft recht gut." 

Im cash-Börsen-Talk gibt Felix Brill Anlegern auch einen Rat, wie sie ihre Aktien-Engagements in den kommenden Wochen und Monaten bewirtschaften sollen.