Kolumne

Krankenkasse - Wem die höhere Franchise wirklich weh tut

Eine Erhöhung der Franchise tut den Chronischkranken und jenen, die spitz kalkulieren müssen besonders weh. Überhaupt nicht weh tuts den operierenden Ärzten, Pillenherstellern, Spitälern und Krankenkassen.
14.03.2019 14:20
Von Claude Chatelain
Wem die höhere Franchise wirklich weh tut
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

Vielleicht haben Sie es auch mitbekommen: Die Mindestfranchise für die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) wird von heute 300 auf 350 Franken erhöht. Das ha der Nationalrat so beschlossen. Und wenn die SP nicht zu viel versprochen hat, können wir dereinst an der Urne sagen, ob wir das gut finden. 

Die Franchise ist der Betrag, den man jährlich aus dem eigenen Sack bezahlen muss, ehe die Krankenkasse für 90 Prozent der Kosten aufkommt. Die restlichen 10 Prozent zahlen wir als Selbstbehalt, der allerdings auf 700 Franken pro Jahr beschränkt ist. 300 Franken Franchise plus 700 Franken Selbstbehalt gibt 1000 Franken. Das ist der Betrag, den wir im Maximum selber bezahlen müssen, zusätzlich zu der nicht gerade günstigen Krankenkassenprämie. Die Kosten, die von der OKP nicht versichert sind, etwa nichtgedeckte Medikamente, kommen noch dazu. 

Interessant ist noch folgendes: Künftig soll die Franchise automatisch der Kostenentwicklung angepasst werden. Klettern die Gesundheitskosten über ein bestimmtes Mass, steigt automatisch auch die Franchise. Als ob Chronischkranke und Menschen mit bescheidenem Haushaltbudget dafür verantwortlich sind, dass die Gesundheitskosten Jahr für Jahr steigen. 

Es ist offensichtlich, wem eine Erhöhung der Franchise besonders weh tut: den Chronischkranken und jenen, die spitz kalkulieren müssen. Überhaupt nicht weh tut dies den operierenden Ärzten, Pillenherstellern, Spitälern und Krankenkassen. Im Gegenteil: Sie profitieren davon. Nicht direkt, aber indirekt. 

Und so funktioniert es: Operiert ein Belegarzt einen halbprivat oder privat versicherten Patienten, erhält er ein deutlich höheres Honorar als bei einem grundversicherten, obschon seine Leistung identisch ist. Auch das Spital erhält für Zusatzversicherte mehr Geld als für Menschen, die nur die Grundversicherung haben. Und dass Krankenkassen mit Spitalkostenversicherungen gutes Geld verdienen, braucht keine nähere Erläuterung. 

Operierende Ärzte, Spitäler und Krankenkassen haben also ein ureigenes Interesse daran, dass sich möglichst viele Versicherte den Luxus einer Spitalzusatzversicherung leisten. Doch je stärker die Prämien steigen, desto weniger werden sich Versicherte dies leisten können. Deshalb ist es durchaus im Sinne von Chriurgen und Spitälern, dass die Prämien durch eine Erhöhung der Franchise entlastet werden und sich der Mittelstand weiterhin den Komfort einer Spitalzusatzversicherung gönnt. 

«Es droht eine Zweiklassenmedizin», verlautet die SP, die aus diesem Grund gegen die Erhöhung der Franchise das Referendum ergreifen will. Was heisst hier «droht»? Eine Zweiklassenmedizin haben wir schon längst. Vielleicht sogar eine Dreiklassenmedizin: Grundversicherte; Halbprivat- und Privatversicherte.

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».