Kreml-Kritiker Nawalny in Berliner Charite eingeliefert

Der schwerkranke und mutmasslich vergiftete russische Oppositionelle Alexej Nawalny ist am Samstag in die Berliner Charite eingeliefert worden.
22.08.2020 14:25
Alexej Nawalny wird in Berlin behandelt.
Alexej Nawalny wird in Berlin behandelt.
Bild: pixabay.com

Ein von mehreren Polizei-Fahrzeugen begleiteter Rettungswagen brachte ihn am Vormittag vom Flughafen Tegel zu der Universitätsklinik, wo er nun behandelt wird. Ein von der Organisation "Cinema for Peace" organisiertes Rettungsflugzeug mit deutschen Ärzten hatte den 44-Jährigen von einer Klinik im sibirischen Omsk nach Deutschland geflogen.

Der Zustand von Nawalny während des Fluges und nach der Landung sei stabil gewesen, sagte der Filmproduzent und Gründer der Organisation, Jaka Bizilj, zu "Bild". Die Charite erklärte, nach Abschluss der Untersuchungen und nach Rücksprache mit der Familie würden sich die behandelnden Ärzte zu der Erkrankung und weiteren Behandlungsschritten äußern. Die Untersuchungen würden aber einige Zeit in Anspruch nehmen.

"Sein Gesundheitszustand ist sehr besorgniserregend", sagte Bizilj später vor Journalisten vor der Charite über Nawalny. Es habe zuvor eine sehr klare Botschaft von den Ärzten gegeben, dass Nawalny auf dem Flug nach Moskau gestorben wäre, wenn es die Notfall-Zwischenlandung in Omsk nicht gegeben hätte. Zu Spekulationen über einen möglichen Giftanschlag wollte sich Bizilj nicht näher äußern. Er betonte aber, dass Nawalny ein gesunder Mann gewesen wäre, der von einem auf den anderen Tag zusammengebrochen sei.

Nawalny war am Donnerstag auf einem Inlandsflug in Russland kollabiert und lag seither in der Klinik in Omsk im Koma. Seine Unterstützer gehen davon aus, dass auf den prominenten Kreml-Kritiker ein Anschlag mit vergiftetem Tee verübt wurde. Die russischen Ärzte erklärten dagegen, Nawalny leide an einer Stoffwechselerkrankung, und bezeichneten ihn zunächst als nicht transportfähig. Nawalny gehört zu den prominentesten Kritikern von Präsident Wladimir Putin. In den vergangenen Jahren prangerte er beständig Korruption an und war als Organisator von Protesten gegen die Regierung wiederholt in Haft.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron hatten sich am Donnerstag bei einem Treffen in Frankreich bestürzt von den Vorkommnissen gezeigt und Aufklärung gefordert. Nawalnys Zustand sei besorgniserregend. Es müsse geklärt werden, wie es dazu gekommen sei. "Darauf werden wir bestehen", hatte Merkel gesagt. Merkel und Macron boten eine Behandlung in ihren Ländern an. Das sei eine wichtige Botschaft in Richtung Kreml gewesen, sagte Bizilj am Samstag. Die Verlegung in die Berliner Charite sei unter anderem auf Bitte von Pjotr Wersilow erfolgt. Der russische Regierungskritiker war vor zwei Jahren ebenfalls mit Verdacht auf eine Vergiftung in der Charite behandelt worden. Wersilow ist eng mit der regierungskritischen russischen Punkband Pussy Riot verbunden und war 2018 beim Finale der Fußball-WM in Moskau in einer Protestaktion in Polizeiuniform auf das Spielfeld gerannt.

Die russische Regierung hat in der Vergangenheit wiederholt Vorwürfe zurückgewiesen, sie lasse unliebsame Personen mit Gift aus dem Weg schaffen. Diesen Verdacht hatte es unter anderem nach dem Tod des russischen Ex-Spions und Regierungskritikers Alexander Litwinenko gegeben, der 2006 in London an einer Vergiftung durch Polonium in seinem Tee starb. Auch der Angriff mit Nervengift auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal 2018 im britischen Salisbury gehört dazu. 

(Reuters)