Krise USA-Iran - Macht ein Anstieg des Ölpreises bald alles wieder teurer?

Der Ölpreis ist wegen der Spannungen zwischen dem Iran und den USA gestiegen. Die Krise wird kaum rasch zu Ende gehen. Anleger und Konsumenten, die in ihrem Alltag Erdölprodukte benötigen, sollten die Lage beobachten.
24.06.2019 23:10
Von Marc Forster
Ölförderung am Cromarty Firth in Schottland: Bleibt der Preis bei 65 Dollar pro Fass?
Ölförderung am Cromarty Firth in Schottland: Bleibt der Preis bei 65 Dollar pro Fass?
Bild: Pixabay

Die Schweiz steuert auf Rekordtemperaturen zu: Vorausgesagt sind diese Woche bis zu 39 Grad. Und da über Heizöl sprechen? Ja, natürlich. Denn der Heizölpreis korreliert eng mit dem Ölpreis. Und dieser steigt im Moment wie die Temperaturen.

Für 100 Liter Heizöl bezahlt man 87,02 Franken. In ein paar Tagen könnte es schon mehr sein, wie eine Grafik von heizoel24.ch zeigt:

Die Heizölpreisentwicklung in den vergangenen zwölf Monaten (Grafik: heizoel24.ch) 

Auf der anderen Seite freuen sich jene, die in Firmen mit Bezug zum Ölgeschäft investiert sind. In der Schweiz hat der Ausrüster Sulzer innerhalb von vier Wochen an der Börse um 5,4 Prozent zugelegt. Die grossen Ölkonzerne wie Shell (+4 Prozent), Total (+2,4 Prozent) oder Exxon Mobil (+4,8 Prozent) haben beim Aktienkurs ebenfalls vom Ölpreisanstieg profitiert.

Heisst dies nun, dass Öltanks noch möglichst schnell gefüllt und Flüge früh gebucht werden müssen, weil im Herbst alles ölpreisbedingt teurer wird? Können sich Ölanleger im Gegenzug zurücklehnen und zuschauen, wie die Kurse steigen? Nun, ganz so einfach ist es nicht.

Der Ölpreis befindet sich aktuell etwa auf dem selben Niveau wie Mitte Februar oder Mitte November 2018. Für das Nordseeöl Brent werden pro Fass 65,21 Dollar bezahlt. Das ist noch kein sehr hoher Stand. Anfang Oktober vergangenen Jahres kostete das Fass noch 86,74 Dollar, ein Vierjahreshoch.

Der Ölpreis (Brent) in den vergangenen zwölf Monaten (Grafik: cash.ch) 

Die Bewegungen der vergangengen Tage sind aber signifikant. Vor zehn Tagen hatte der Ölpreis unter 60 Dollar gelegen. Vor kurzem wurden Short-Position auf Öl im grossen Stil geschlossen und die Märkte schwenkten beim Ölpreis wieder auf eine "bullishere" Haltung um. Für einige Experten war dies schon ein Grund, von einer "Wende" beim Ölpreis zu sprechen.

Der Grund ist geopolitisch. Explosionen an zwei Tankschiffen im Persischen Golf und ein Drohnenabschuss, was die USA dem iranischen Regime zuschreiben, haben die Lage in Mittleren Osten angeheizt. Ein bereits vorbereiteter Luftangriff der USA auf Iran wurde von Präsident Donald Trump in letzter Minute gestoppt – so jedenfalls lautet die verbreitete Darstellung.

Passagierflugzeuge umfliegen seit einigen Tagen den Persischen Golf, wohl aus Angst vor fehlgeleiteten Raketen. Würde der Konflikt eskalieren und in der Folge beispielsweise die Strasse von Hormuz unpassierbar, hätte dies grössere Folgen auf die Ölversorgung des Westens, aber auch Asiens. Durch die berühmte Wasserstrasse zwischen Iran und Oman werden mit Tankern täglich um die 17 Millionen Fass Öl pro Tag transportiert.

Im Falle einer Eskalation der Spannungen erwarten die Rohstoffanalysten der Bank Julius Bär über die nächsten drei Monate einen Ölpreis von im Schnitt 80 Dollar – aber nur für diesem Fall besteht ein solches "Bull Case Scenario". Die grundlegende Voraussage lautet anders: "Unsere Prognose für die nächsten drei Monate ist mit 65 Dollar pro Fass stabil", sagt Carsten Menke, der für die Privatbank die Ölmärkte beobachtet.

Er beurteilt den Ölpreianstieg um fünf Dollar seit Mitte Juni als moderat. "Fundamental ist noch nichts passiert. Es gibt keine Unterbrüche des Angebots." Menke ruft auch in Erinnerung, dass verschiedene Krisen im Nahen Osten in den vergangenen Jahrzehnten – mit Ausnahme der Ölpreiskrisen – die Struktur des Ölhandels nie nachhaltig auf den Kopf gestellt hätten.

Der Ölpreis wird dennoch im Zentrum stehen, denn die Lage am Persischen Golf dürfte sich nicht so schnell beruhigen. Wie der Handelskonflikt USA-China, die Auseinandersetzungen um die Mexiko-Mauer oder das Atom-Tauziehen mit Nordkorea gezeigt haben, sind die aussenpolitischen Konflikte unter der Trump-Administration langwierig.

Trump will keinen hohen Ölpreis

Allerdings findet im Weissen Haus alles unter der Prämisse statt, dass 2020 eine Wiederwahl Trumps gewonnen werden will. Ein zu grosser Anstieg der Ölpreise wäre nicht in Trumps Sinne, denn ein solcher würde Millionen von potentiellen Wählern finanziell an der Tankstelle und anderswo treffen. Ein veritabler Krieg im Nahen Osten stellt ebenso ein hohes politisches Risiko für den US-Präsidenten dar.

Die Zwölf-Monats-Prognose für den Ölpreis von Julius Bär liegt bei 57,50 Dollar. Die Begründung liegt darin, dass die erwartete Abkühlung der Weltwirtschaft den Ölpreis in den nächsten Monaten unter Druck setzen wird. Der konjunkturelle Faktor ist demzufolge stärker als die Krise im Mittleren Osten. Was auch heisst: Konsumenten müssen noch nicht in Panik geraten, dass die Heizölrechnung im Herbst exorbitant wird. Auf der anderen Seite werden Ölaktien nicht outperformen, jedenfalls nicht aufgrund eines markant steigenden Ölpreises.