Krisenbekämpfung - Europas neue Rettungsidee: Staatsbeteiligungen an kleinen Firmen

Um die Folgen der Corona-Krise abzufedern, hatten die Regierungen in Europa rasch Hilfsprogramme für ihre Volkswirtschaften auf den Weg gebracht. Doch wie kann die Gefahr einer Kaskade von Konkursen verhindert werden?
11.07.2020 13:34
Drohende Konkurse könnten die Erholung der Konjunktur gefährden.
Drohende Konkurse könnten die Erholung der Konjunktur gefährden.
Bild: Pixabay

Unter Regierungsvertreten und Ökonomen findet die Idee Anklang, dem Staat die Beteiligung an kleinen und mittelgrossen Unternehmen zu ermöglichen. Zu Anfang der Krise hatten sich die Massnahmen indes stark auf Kredite konzentriert, um Unternehmen über Wasser zu halten.

Die Europäische Kommission und die Bank of England haben sich für das Konzept starkgemacht. Das französische Finanzministerium prüft diese Option, wie auch das Bundeswirtschaftsministerium in Berlin, sagte ein Sprecher. Unterstützung erhält der Ansatz vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK), dem zufolge fast die Hälfte seiner Mitglieder unter einem Kapitalmangel leidet.

Unterstützung in Form von Eigenkapital ist an sich nicht neu - Banken wurden während der globalen Finanzkrise gerettet und Deutschland hält immer noch mehr als 15 Prozent der Anteile an der Commerzbank.

Fokus auf grosse Unternehmen sorgt für Unzufriedenheit

Jedoch führte der Fokus auf grosse Unternehmen zu Unzufriedenheit, weil kleinere angeschlagene Firmen, bei denen die überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer beschäftigt ist, dabei nicht berücksichtigt werden.

Eine solche Intervention würde dem Staat eine noch grössere Rolle bei der Steuerung der Wirtschaft geben und unweigerlich zu Vorwürfen führen, dass so wirtschaftliche Gewinner und Verlierer bestimmt würden. Ökonomen, die solche Vorschläge unterstützen, sagen jedoch, dass zusätzliche Kredite an KMUs die Wirtschaft zu sehr schwächen würden.

Es bestehe das Risiko, dass Unternehmen während der Krise ihre Schulden so stark erhöhen müssen, dass umfangreiche Investitionen danach erschwert würden, sagte Jan Krahnen, Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzforschung SAFE in Frankfurt und einer der Autoren eines Eigenkapital-Vorschlags für die EU. Eine andere Form der Finanzierung würde dem entgegengewirken.

Solvenzunterstützung

Die EU-Kommission hat die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen in dieser Woche als Hauptrisiko eingestuft und davor gewarnt, dass ein Anstieg der Insolvenzen “den Pandemieschock verstärken und verlängern könnte, während notleidende Kredite steigen könnten”.

Allein in diesem Jahr werden schätzungsweise 720 Milliarden Euro benötigt, um das Überleben ansonsten lebensfähiger Unternehmen in der EU zu sichern. “Wir treten in eine Phase ein, in der die Zahlungsfähigkeit von Unternehmen erschüttert werden könnte, da die nationalen Regierungen beginnen könnten, die in der ersten Phase der Krise eingerichteten Hilfen zu reduzieren”, sagte OECD-Chefökonom Laurence Boone bei einer Anhörung im Europa-Parlaments im Juni. “Wo staatliche Hilfen in Form von Kapitalzuführungen gewährt wurden, werden Unternehmen widerstandsfähiger sein.”

In Grossbritannien rechnet die BoE damit, dass das Cashflow-Defizit der Unternehmen 50 Milliarden Pfund (56 Milliarden Euro) erreichen wird. Gouverneur Andrew Bailey hat versprochen, mit der Regierung gemeinsam Wege zu finden, die Eigenkapitalfinanzierung anzukurbeln, um diese Lücke zu schliessen.

Anteile an zukünftigen Gewinnen

Der Vorschlag von Krahnen und fünf Ökonomen von anderen Universitäten plädiert für einen „Europäischen Pandemie-Beteiligungsfonds“, der Barinvestitionen tätigen würde und im Gegenzug Anteile an zukünftigen Gewinnen erhielte. Er wäre offen für Unternehmen jeder Grösse, und Unternehmen könnten sich letztlich zu einem vorher festgelegten Preis aus dem Plan herauskaufen.

Wie sollen nun die Unternehmen für eine mögliche Staatsbeteiligung ausgewählt werden? Ein guter Ausgangspunkt dafür könnten die staatlichen Kredite sein, die in den letzten Monaten vergeben wurden, sagen einige Ökonomen. So schrieben Olivier Blanchard, Thomas Philippon und Jean Pisani-Ferry in einem Papier für das Peterson Institute, dass Firmen die Option erhalten könnten, Verbindlichkeiten in “Eigenkapital umzuwandeln oder in Quasi-Eigenkapital in Form von Vorzugsaktien oder, bei Firmen in Privatbesitz, höhere Ertragssteuern.“

Sollte dies beispielsweise in Deutschland geschehen, wo Unternehmen Kredite im Wert von mehr als 50 Milliarden Euro bei der staatlichen Förderbank KfW beantragt haben, könnten Tausende von Unternehmen feststellen, dass der Staat bei ihnen Aktionär geworden ist.

Derartige Kredite seien bisher in Wirtschaftskrisen nicht verwendet worden und niemand wisse, was als nächstes geschehen wird, sagte Dirk Ehnts, ein Berliner Ökonom, der die Pufendorf Gesellschaft mitbegründete, ein gemeinnütziger Verein mit Schwerpunkt auf wirtschaftspolitischer Bildung. Ohne es ursprünglich beabsichtigt zu haben, könnte die Bundesregierung ein sehr, sehr grosser Aktionär werden.

(Bloomberg)