Krisenkonzern - Akte Wirecard: Die Schlüsselereignisse in einem Bilanzskandal

Die Pleite des Zahlungsabwicklers Wirecard ist einer der grössten Finanzskandale in Deutschland. Wie konnte es zu dem milliardenschweren Bilanzbetrug kommen? Eine Chronologie.
18.07.2020 05:55
Eingang zur Firmenzentrale von Wirecard in Aschheim, bei München (DE).
Eingang zur Firmenzentrale von Wirecard in Aschheim, bei München (DE).
Bild: imago images / Sven Simon

Ein Überblick über die bislang bekannten Schlüsselereignisse:

2015

April - Die Zeitung "Financial Times" (FT) beginnt eine Artikelserie mit dem Namen "House of Wirecard", in der sie auf Ungereimtheiten hinweist. Im Laufe der Jahre werden die Vorwürfe immer konkreter.

2016

Februar - Die von dem Börsenspekulanten Fraser Perring betriebene Firma Zatarra Research wirft Wirecard in einer im Internet verbreiteten Analyse betrügerische Machenschaften vor.

März - Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde BaFin nimmt Perring und andere Investoren, die mit Leerverkäufen auf einen Absturz der Wirecard-Aktie gewettet hatten, wegen des Verdachts der Marktmanipulation ins Visier.

Mai - Die BaFin erstattet Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft München wegen möglicher Marktmanipulationen gegen Perring und andere Investoren.

2017

Februar - Die BaFin-Bankenaufsicht prüft gemeinsam mit der Bundesbank, ob die Muttergesellschaft Wirecard AG als Finanzholding einzustufen ist. Ergebnis: Nein. Damit hat die Finanzaufsicht keinen Zugriff auf den Gesamtkonzern. Die EZB stimmt dieser Einschätzung später zu.

Juni/Juli - Die BaFin untersucht das Kreditgeschäft der Wirecard Bank bei einer Sonderprüfung.

2018

Mai - Die Wirecard Bank soll direkte Tochter der Wirecard AG werden. Sie stellt einen entsprechenden Antrag bei der BaFin. Das löst ein Inhaberkontrollverfahren von BaFin, Bundesbank und EZB aus. Der Antrag wird im Januar 2019 positiv beschieden.

2019

Januar - Die "Financial Times" (FT) erhebt neue Vorwürfe gegen Wirecard. Es geht um mögliche Geldwäsche und Kontenfälschung in Asien, in die ein Wirecard-Manager in Singapur verwickelt sein soll. Weitere Artikel mit Vorwürfen der Bilanzfälschung gegen den Konzern folgen.

Februar - Die BaFin eröffnet eine Untersuchung im Zusammenhang mit der Berichterstattung. Sie nimmt Leerverkäufer, Journalisten und Verantwortliche von Wirecard wegen des Verdachts der Marktmanipulation und falscher beziehungsweise irreführender Angaben in der Finanzberichterstattung der Wirecard AG ins Visier.

15. Februar - Die BaFin beauftragt die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) mit einer Analyse der Wirecard-Bilanz.

18. Februar - Mit einem Leerverkaufsverbot untersagt die BaFin für zwei Monate Wetten auf Kursverluste der Wirecard-Aktie - ein einmaliger Vorgang.

19. Februar - Bundesfinanzminister Olaf Scholz wird informiert. Dem SPD-Politiker wird gesagt, dass die BaFin in alle Richtungen wegen Marktmanipulation ermittelt - also gegen Verantwortliche der Wirecard AG und die DPR möglichen Bilanzunregelmässigkeiten nachgeht.

8. März - Finanz-Staatssekretär Jörg Kukies sagt BaFin-Chef Felix Hufeld laut Darstellung des Finanzministeriums Unterstützung bei der Aufklärung zu.

April - Die BaFin erstattet Anzeige gegen zwei FT-Journalisten und Investoren wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

15. April - Die BaFin brummt der Wirecard AG ein Bussgeld in Höhe von 1,52 Millionen Euro auf. Grund: verspätete Veröffentlichung von Geschäftsberichten.

27. Juni - Staatssekretär Wolfgang Schmidt wendet sich an seinen chinesischen Ansprechpartner, um ihn über das Interesse von Wirecard am Eintritt in den chinesischen Markt zu informieren.

Juli - Sonderprüfung der BaFin bei der Wirecard Bank. Das Institut wird am 15. Juli unter Geldwäscheintensivaufsicht gestellt.

21. Oktober - Wirecard beauftragt die Wirtschaftsprüfer von KPMG mit einer Sonderprüfung, um die Vorwürfe der Bilanzfälschung endgültig zu entkräften.

5. November - Kukies trifft Wirecard-Chef Markus Braun. Ein Protokoll dazu gibt es nicht. Die Opposition im Bundestag verlangt dazu mehr Informationen.

2020

25. Februar - Behörden von Bayern und Bund sprechen nach Angaben beider Seiten erstmals über die Geldwäscheaufsicht bei der Wirecard AG. Laut Bundesfinanzministerium erklärt sich die Bezirksregierung von Niederbayern gegenüber der BaFin für zuständig. Später bestreitet Bayerns Innenminister Joachim Herrmann, dass die Landesbehörde zuständig sei.

28. April - Die Wirtschaftsprüfer von KPMG stellen dem Unternehmen ein schlechtes Zeugnis aus. Für bestimmte Umsatzerlöse gebe es keine Nachweise, angebliche Einzahlungen auf Treuhandkonten in Höhe von rund einer Milliarde Euro wurden nicht hinreichend nachgewiesen, heisst es in einem Sonderbericht, den Wirecard selbst in Auftrag gegeben hatte. Konzernchef Braun hingegen sieht den in Medienberichten erhobenen Vorwurf der Bilanzfälschung als widerlegt an.

2. Juni - Die BaFin zeigt Wirecard-Verantwortliche bei der Staatsanwaltschaft München an, unter anderem wegen Marktmanipulation. Der Verdacht: Der Vorstand soll in der Öffentlichkeit irreführende Angaben über die KPMG-Prüfungsergebnisse gemacht haben.

18. Juni - Die Wirtschaftsprüfer von EY verweigern Wirecard das Testat für die Bilanz für 2019, weil Belege über 1,9 Milliarden Euro auf Treuhandkonten auf den Philippinen fehlen. Die BaFin erstattet nun auch wegen Bilanzfälschung Anzeige. Wirecard suspendiert den für das operative Geschäft zuständigen Vorstand Jan Marsalek und entlässt ihn wenige Tage später. Konzernchef Markus Braun erklärt, das Unternehmen sei vermutlich Opfer "in einem Betrugsfall erheblichen Ausmasses".

19. Juni - Wirecard-Chef Braun tritt zurück. Der neue Compliance-Vorstand James Freis übernimmt den Chefposten.

22. Juni - Wirecard erklärt, dass die fraglichen Bankguthaben von 1,9 Milliarden Euro "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen". Die Staatsanwaltschaft München ermittelt wegen Bilanzfälschung. Ex-Wirecard-Chef Braun stellt sich den Strafverfolgern. Sein Vorstandskollege Marsalek wird gefeuert und taucht unter.

25. Juni - Der Dax-Konzern stellt einen Insolvenzantrag. Scholz kündigt Konsequenzen an, unter anderem mehr Durchgriffsrechte für die BaFin. Er verspricht für die nächsten Tage ein Konzept, das bis heute aber nicht vorliegt.

(Reuters)