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Kursuntergrenze verleitet zu Trägheit

Die Einführung des Euro-Mindestkurses vor zwei Jahren hat die Schweizer Volkswirtschaft vor einigem Schaden bewahrt. Doch die Massnahme bringt auch ihre Tücken.
03.09.2013 00:55
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
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Bild: cash

Vor etwas mehr als zwei Jahren traf ich am Flughafen Zürich einen Bekannten, den ich schon lange nicht mehr gesehen hatte. Unser Gespräch musste er mehrere Male unterbrechen. Er, der als Einkäufer von ausländischer Milch für einen Schweizer Detailhändler arbeitet, nutzte eine Schwankung des Euro-Franken-Wechselkurses für die günstige Bestellung. Dieser Hektik sei er seit Wochen ausgesetzt, klagte er damals.

Sommer und Frühherbst 2011: Es war die Zeit, als der Euro-Franken-Kurs völlig aus den Fugen geriet. Allein am 9. August legte der Franken gegenüber dem Euro um bis zu acht Rappen zu und erreichte mit einem Kurs von 1,0070 zwischenzeitllich fast die Parität zum Euro.

Die Schweizerische Nationalbank bereitete diesem Spuk am 6. September schlagartig ein Ende, indem sie eine Kursuntergrenze zum Euro festsetzte. Seither herrscht in der Schweizer Wirtschaft wieder Planungssicherheit. Der Mindestkurs wird von Arbeitgebern und -nehmern in seltener Eintracht gelobt, auch wenn die Meinungen über die Höhe der Grenze auseinandergehen.

Die Schattenseite des protektionistischen SNB-Schrittes vor zwei Jahren: Die Kursuntergrenze wiegt viele Unternehmer in falscher Sicherheit. Die gute Auslastung vieler Zweige der Schweizer Unternehmen übertünchte bislang manche Probleme, die der starke Schweizer Franken gebracht hatte. Die Exporte können aber nicht ewig gut laufen.

Das ist das eine. Die Kursuntergrenze verleitet aber auch zu Trägheit und Bequemlichkeit. So ist bei den anfänglichen Preisanpassungen von importierten Artikel, etwa Autos oder Güter des täglichen Bedarfs, eine gewisse Ruhe eingekehrt. Dabei müssten die Preise weiter sinken. "Die Markenprodukthersteller nutzen die Kaufkraft der Schweizer weiterhin aus", sagt etwa Wirtschaftsprofessor Reiner Eichenberger im cash-Interview.

Und dann gibt es noch immer Branchen, die nicht willens sind, den notwendigen Strukturwandel einzuleiten. Ich meine damit vor allem den Schweizer Tourismus. Ein Beispiel gefällig? Kürzlich musste ich für meine Familie (Eltern und zwei kleine Kinder) im Berner Oberland eine Übernachtung buchen. 250 Franken pro Nacht im mediokren 3-Sterne-Hotel mit schattiger Hangsicht war nach langer Suche das beste Angebot. In der Abrechnung wurde dann stolz und mit Ausrufezeichen vermerkt, dass für das Baby nichts verrechnet worden sei.

So kreiert man negative Nachhaltigkeit. Und die Annahme, dass die Kursuntergrenze wohl noch längere Zeit Bestand haben wird, macht den Ausblick für solche Wirtschaftszweige nicht günstiger. Schon aus diesem Blickwinkel darf die Kursuntergrenze der SNB nur so lange wie absolut nötig bestehen bleiben.