Londoner Banken klopfen bei deutscher Finanzaufsicht an

Die ersten britischen Banken hegen wegen des Brexit-Votums konkrete Umzugspläne nach Deutschland. Bei der Finanzaufsicht BaFin sind erste Anfragen von Banken, die ihren Sitz oder Teile des Geschäfts von London nach Deutschland verlegen wollen, eingegangen, wie ihr Präsident Felix Hufeld am Dienstag sagte.
10.01.2017 19:59

"Wir werden angesprochen von Banken, die sich freiwillig unserer Aufsicht unterwerfen wollen." Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht sei nicht auf Abwerbetour, stellte Hufeld klar. Sie könne den Unternehmen aber schnell Klarheit und einen verlässlichen Rahmen für ihr Geschäft bieten.

Die Zahl der Anfragen nannte der BaFin-Chef nicht. Die Nachrichtenagentur Reuters hatte berichtet, die US-Investmentbank Goldman Sachs erwäge Verlagerungen von London nach Frankfurt.

Der britische Austritt aus der Europäischen Union (EU) betrifft vor allem Banken, die mit einer britischen Lizenz und einem "EU-Pass" ihre Produkte und Dienstleistungen bisher in der ganzen EU anbieten können. Das ist nach einem Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union fraglich.

Der Verwaltungsratschef der Grossbank HSBC, Douglas Flint, erwartet, dass die ersten Banken ihre Umzugspläne bald nach Beginn der Austrittsverhandlungen im Frühjahr in die Tat umsetzen werden. Daran hingen zehntausende Stellen.

Noch sei aber sei unklar, ob künftig nur der Vertrieb von Finanzprodukten aus der EU heraus stattfinden müsse oder auch Dienstleistungs-Jobs in der Abwicklung, im Risikomanagement und der Buchhaltung verlagert werden müssten, sagte er bei einer Anhörung vor einem Ausschuss des britischen Parlaments.

Banken wie JPMorgan, Citi und Deutsche Bank beschäftigen in britischen Städten wie Glasgow oder Bournemouth Tausende von Mitarbeitenden in diesen Bereichen. Frankfurt erhofft sich vom Brexit einen fünfstelligen Zuwachs von Finanz-Arbeitsplätzen, doch auch Städte wie Paris, Dublin und Luxemburg wollen davon profitieren.

Zehntausende Arbeitsplätze betroffen

Auch der Chef der Londoner Börse LSE, Xavier Rolet, warnte bei der Anhörung vor einer massenhaften Abwanderung aus London nach dem Brexit. Wenn die Abwicklung (Clearing) von in Euro begebenen Finanzprodukten von dort aus nicht mehr möglich sei, drohten einige zehntausend Arbeitsplätze verloren zu gehen. Die LSE ist das grösste Clearinghaus für Euro-Kontrakte.

Einflussreiche EU-Politiker fordern aber, deren Abwicklung müsse nach dem Brexit auf dem Kontinent stattfinden. Die Europäische Union arbeitet gerade an einer Reform des Derivatehandels. "Das sind diese lästigen, zielgenauen und scheinbar unbedeutenden Regeln, die in Wirklichkeit grossen Einfluss auf das Verhalten der Kunden haben", sagte Rolet.

Rolet, Flint und die Vize-Chefin des Vermögensverwalters Allianz Global Investors, Elizabeth Corley, forderten Übergangsfristen bis mindestens 2021, um einen geordneten Umzug zu ermöglichen.

(AWP)