«Märkte zeigen nach Brexit zwar Überreaktion, aber Lage bleibt voller Risiken»

Wenige Stunden nach Bekanntwerden des Referendums-Resultats ist die Lage an den Finanzmärkten verworren. Zurich-Chefstratege Guy Miller rät im cash-Video-Interview Anlegern zur Vorsicht.
24.06.2016 14:09
Von Marc Forster
Guy Miller, Chief Market Strategist & Head of Macroeconomics bei Zurich.
Bild: cash

"Heute Nacht wurden die Karten neu gemischt", sagt Guy Miller, Chefstratege der Zurich Insurance Group, im cash-Video-Interview. Der Ausgang des EU-Referendums habe für Grossbritannien, die Eurozone und die ganze Weltwirtschaft Folgen, sagt der Ökonom, der selbst aus Schottland stammt. Die Auswirkungen seien aber noch kaum abzuschätzen.

Nicht nur politisch, auch an den Finanzmärkten hat das Votum ein Erdbeben ausgelöst. Der Londoner Leitindex fiel nach Börsenstart deutlich und steht derzeit 4,5 Prozent im Minus. An anderen Märkten läuft es ähnlich. Der SMI steht derzeit um 3,6 Prozent tiefer.

"Die erste Reaktion ist eine reflexartige Überreaktion", sagt Miller. Die Lage bleibe aber unsicher, die Märkte blieben volatil: Es brauche Monate, bis Anleger Kapital wieder 'konstruktiv' einsetzen würden. Die Finanzmärkte brauchen laut Miller Anhaltspunkte von der Politik, wie es weitergehen soll.

Der Brexit aus Einstiegs-Chance?

Auch auf die Zentralbanken werde noch stärker geschaut: "Sie werden den Märkten und den Banken reichlich Liquidität zur Verfügung stellen." Die Europäische Zentralbank werde ihre Lockerungspolitik noch verstärken, allerdings schränke sich die Anzahl Anleihen, die sie kaufen könne, wegen der Negativrenditen ein. "Sie werden stärker auf die Peripherieländer gehen, um die Auswirkungen einzudämmen, und sehr aggressiv am Unternehmensanleihenmarkt intervenieren."

Banker in ganz Europa und in Übersee verbrachten die Nacht in ihren Büros, um möglichst rasch am Handel teilnehmen zu können. Die starken Kursrückgänge seit Freitagmorgen mögen Anleger dazu veranlasst haben, nach den ersten Kurseinbrüchen günstig zu kaufen. Im cash-Börsen-Talk vom 10. Juni hatte Thomas Steinemann, Anlagechef der Bank Bellerive, ein Brexit-Votum wegen der erwarteten Kurseinbrüche als guten Einstiegspunkt für Aktien im In- und Ausland genannt.

Der Zurich-Marktstratege rät Anlegern zur allerdings Vorsicht. Handeln in diesen Zeiten sei etwas für Hartgesottene: "Leute sollten nur anlegen, wenn Sie die treibenden Kräfte der Märkte verstehen - die Situation ist voller Risiken", sagt Miller. Angesichts der Bedeutung dieses Votums, das sich nach und nach in den verschiedenen Zeitzonen der Welt auswirke, bleibe die Lage noch über Tage sehr anfällig.

«Franken und Yen sind sichere Häfen»

Stark haben auch Währungen auf das Brexit-Votum reagiert. Das Pfund fiel zum Dollar von 1,50 auf 1,32. Der Franken geriet unter Aufwertungsdruck, das Euro-Franken-Verhältnis fiel zeitweise unter die Marke von 1,07. "Der Franken und der Yen werden als sichere Häfen gesehen, wie das schon während der ganzen Finanzkrise der Fall gewesen ist", sagt Miller. Natürlich sei Geld in den Franken geflossen, aber die SNB habe interveniert. "Dies begrenzt die Franken-Aufwertung."

Mahnend äussert sich der Ökonom auch gegenüber Politikern: "Sie müssen stärker darauf hören, was die Leute bewegt." Am Sonntag wird in Spanien ein Parlament gewählt, nachdem die Wahl im Dezember keine Regierung hervorgebracht hat. Linke Parteien, die kritisch zur Euro-Austeritätspolitik stehen, werden auch beim neuen Versuch einer Regierungsbildung eine Rolle spielen. Auch beim Verfassungsreferendum in Italien, das für Oktober angesetzt ist, könnte die Regierung Opfer einer euro-kritischen Welle werden.