May zerschlägt Hoffnung der Londoner Banken

Britische Finanzdienstleister können nicht auf eine Sonderbehandlung von Premierministerin Theresa May bei den Brexit-Verhandlungen hoffen.
08.10.2016 06:15
Theresa May bevorzugt die Banken weniger als ihr Vorgänger David Cameron.
Theresa May bevorzugt die Banken weniger als ihr Vorgänger David Cameron.
Bild: Bloomberg

Theresa May, die neue Regierungschefin des Landes, will das Verhältnis der Regierung zur City of London, dem Finanzdistrikt der Hauptstadt, ändern. Wie Bloomberg von drei führenden Mitgliedern der May-Administration erfuhr, will sich die Regierung weigern, dem Schutz des Sektors Vorrang zuzugestehen, nachdem Grossbritannien die Europäische Union verlassen hat.

Mays Team hat auch die Schlüssel-Forderung der Banken zurückgewiesen, wonach eine Zwischen-Vereinbarung mit der EU angestrebt werden sollte, um die Branche in der Übergangsphase bis zum Austritt zu unterstützen, erklärte eine der Personen. Alle drei Personen wollten nicht namentlich genannt werden, da die Informationen sensibel sind.

Den Bedenken der City weniger Bedeutung beizumessen, stellt einen klaren Bruch zur Politik von Mays Vorgänger David Cameron dar. Cameron, der Grossbritannien in der EU hatte halten wollen, hatte argumentiert, dass ein EU-Austritt ein riskantes "Spiel" für das Land und seinen Finanzsektor sei. Immerhin entfallen auf die Branche zwölf Prozent der britischen Wirtschaftsleistung und 1,1 Millionen Arbeitsplätze.

Die Erkenntnis ist ein Schock für die City

Die Wirtschaftsführer erkennen nicht, dass die neue Premierministerin eine andere Ansicht der City of London hat als Cameron, wie die informierten Personen erklärten. May akzeptiere nicht so einfach die Ansichten der City, wie Cameron und sein früherer Schatzkanzler George Osborne dies getan hatten, erklärte eine der Personen. Diese Erkenntnis werde für einige in der City ein Schock sein.

Die Finanzkonzerne riskierten ein schlechteres Verhältnis zu den Politikern, wenn sie sich wiederholt über die Auswirkungen des Brexit auf ihre Geschäfte beschweren und damit drohen, ihre Zentralen in ein anderes Land zu verlagern, erklärte eine leitende Person. Es sei ein Witz, dass alle Finanzkonzerne mit Sitz in London nach Frankfurt, Paris oder Dublin umziehen würden.

Es ist zwar möglich, dass die britische Regierung vor den anstehenden Brexit-Verhandlungen nur blufft. Dabei riskiert sie jedoch, die City vor den Kopf zu stossen, die in Zeiten wachsender Verunsicherung einen der wichtigsten Antriebsmotoren des Landes darstellt. Banken wie JPMorgan Chase und UBS haben bereits damit gedroht, Arbeitsplätze zu verlagern, sollten die Brexit-Verhandlungen ihre Geschäfte schädigen. Aus der Finanzbranche fliessen jährlich 65 Mrd. Pfund in die Staatskasse.

Neue politische Realität

In der Regierung wird damit gerechnet, dass der Brexit lediglich dazu führen wird, dass die Boni einiger weniger Banker reduziert werden und ein paar Hundert Jobs anderswohin in Europa verlagert werden. Die Wähler würden so eine Entwicklung eher gut heissen als sich darüber zu beschweren, erklärte eine der Personen.

Britische Regierungsangehörige haben sich bereits mit deutlichen Worten gegen eine Zwischen-Vereinbarung mit der EU ausgesprochen. Steve Baker, ein Mitglied der Konservativen Partei und Mitglied des Finanzausschusses, forderte die Finanzbranche dazu auf, sich der neuen Nach-Brexit-Realität zu stellen.

"Angesichts der offensichtlichen Härte unserer neuen Premierministerin würde die City schlecht daran tun, die neue politische Realität nicht zu akzeptieren", sagte Baker in einem Bloomberg-Interview. "Seit sehr langer Zeit wurde die City so wahrgenommen, dass sie einen privilegierten Status geniesst, und London wurde zu einer Art Stadtstaat, abgetrennt vom Rest des Landes. Wir müssen als ein Vereinigtes Königreich vorwärts gehen - und das bedeutet Veränderungen."

(Bloomberg)