Mehrheit der Briten für Brexit? - Cameron warnt vor Kürzungen

(Mit weiteren Angaben ergänzt)
12.06.2016 14:25

London (awp/sda/dpa/afp) - Gut zehn Tage noch bis zum Brexit-Referendum der Briten. Der Ton wird immer schärfer, die Stimmung gereizter. Premier Cameron malt für den Fall des EU-Austritts das Schreckgespenst von Rentenkürzungen an die Wand. Es geht auch um seine Zukunft.

Im Schlussspurt zum historischen Referendum der Briten über einen EU-Austritt spüren die Brexit-Befürworter Aufwind. 55% der Briten wollen laut einer Online-Umfrage am 23. Juni für den Austritt stimmen.

Lediglich 45% seien noch für den Verbleib Grossbritanniens in der Gemeinschaft, ermittelte das Institut ORB im Auftrag der Londoner Zeitung "The Independent". "Jetzt hat sich das Blatt gewendet", kommentiert das linksliberale Blatt.

Eine Umfrage im Auftrag der Sonntagszeitung "Observer" sieht das europafreundliche Lager mit 44% noch leicht vor den Austrittsbefürwortern mit 42%. 13% der Befragten seien weiterhin unentschlossen.

In einer Umfrage der aktuellen "Sunday Times" entschieden sich 43% für den Brexit und 42% dagegen. 11% der Befragten zeigten sich unentschieden, 4% gaben an, sich nicht an der Abstimmung beteiligen zu wollen.

CAMERON WARNT

Premierminister David Cameron warnte die Brexit-Befürworter vor schmerzhaften Kürzungen der Renten und im Gesundheitssektor. Ein Austritt könnte bis 2020 ein "Loch von 40 Mrd GBP" in die Staatskasse reissen, sagte er dem "Observer".

Unter diesen Umständen sei fraglich, ob es weiterhin garantierte Rentenerhöhungen und Zuschüsse für das Gesundheitswesen (NHS) geben könne. "Das ist die bittere Realität eines EU-Austritts." Der konservative Premier appellierte zudem an seine Landsleute, sich das historische Gewicht ihrer Entscheidung bewusst zu machen.

Im Sender BBC warnte Cameron die Briten vor einem "verlorenen Jahrzehnt". Ein Brexit werde "ein Jahrzehnt der Ungewissheit" bringen und "Energie aus der Regierung und dem Land absaugen".

FARAGE SIEHT EU AM ENDE

Der Brexit-Wortführer Nigel Farage sieht Europa dagegen nach dem Votum am 23. Juni am Ende. "Die EU steht vor dem Kollaps", sagte der Chef der britischen Unabhängigkeitspartei UKIP der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" (Samstag). "Nach uns werden andere nördliche Länder austreten, eins nach dem anderen. Dänemark zuerst, dann die Niederlande, Schweden, Österreich."

Auch die Südstaaten wie Italien, Griechenland oder Spanien würden laut Farage von einem Brexit profitieren, da der Euro ihre Wirtschaft "zerstöre" und "eine Waffe für die deutsche Vorherrschaft" sei.

An die Adresse Camerons gerichtet sagte Farage der BBC: "Die Leute haben genug von den Drohungen des Premierministers". Farage bezeichnete die EU als ein "gescheitertes Projekt".

BISCHOF UND NOBELPREISTRÄGER DAGEGEN

Das Oberhaupt der anglikanischen Kirche, der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby, stellte sich anderthalb Wochen vor dem Referendum öffentlich auf die Seite der Befürworter einer EU-Mitgliedschaft. Er sei dafür "Brücken zu bauen, nicht Grenzen", schrieb das Kirchenoberhaupt in einem Beitrag für die "Mail on Sunday".

13 britische Nobelpreisträger sprachen sich in einem offenen Brief gegen den EU-Austritt aus. Die Nobelpreisträger erklärten in ihrem im "Daily Telegraph" veröffentlichten Brief, der Wegfall der Förderung durch die Europäische Union berge für die britische Forschung "eine grosse Gefahr".

UMFRAGE NICHT ÜBERBEWERTEN

Dem "Independent" zufolge deuten die Umfragen im Zeitablauf auf eine Tendenz zur Stärkung des EU-kritischen Lagers. Noch im April hätten nur 51% für einen Austritt und 49% für einen Verbleib plädiert, schreibt die Zeitung. Vor einem Jahr habe das Lager der EU-Befürworter sogar noch um zehn Prozentpunkte vorn gelegen.

Allerdings warnen Experten vor einer Überbewertung derartiger Online-Erhebungen. Sie erwarten seit Monaten ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Bei der Parlamentswahl vor einem Jahr hatten die Demoskopen schwer daneben gelegen.

(AWP)