MiFID-Richtlinien - MiFID-Finanzregeln werden schlechte Analysten «aussortieren»

Eine Ex-J.P.-Morgan-Analystin setzt das EU-Finanzregelwerk MiFID: Sie bietet Research für Fondsmanager kostenlos an und geht davon aus, dass sie das Geschäft mit Marktberichten aufmischen wird.
19.11.2017 09:40
Corrine Png analysiert unter anderem Schifffahrts-Aktien: Ein Grossfrachter der dänischen Reederei AP Moeller-Maersk
Corrine Png analysiert unter anderem Schifffahrts-Aktien: Ein Grossfrachter der dänischen Reederei AP Moeller-Maersk
Bild: Pixabay

Als Corrine Png im vergangenen Jahr ihren Job als Analystin bei J.P. Morgan verlor, beschloss sie, es alleine zu versuchen. Sie setzt darauf, dass die neuen europäischen Regeln eine Nachfrage nach Nischen- und kostenlosem Research schaffen werden. Als ehemalige Leiterin Research im Bereich Transport Raum Asien-Pazifik in der Wertpapiersparte von J.P. Morgan in Singapur war Png in Ranglisten zu Branchenanalysten im Spitzenfeld zu finden, bevor sie im Rahmen einer Restrukturierung entlassen wurde.

Unabhängig zu arbeiten hat für Png Anziehungskraft. Wie sie sagt, kann sie mehr Zeit mit dem tatsächlichen Verfassen von Analysen zu verbringen - und weniger mit Management und Marketing, wie dies bei Banken üblich ist. Aber das ist nicht alles. Die überarbeitete Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente der Europäischen Union, die Vermögensverwalter ab Januar zu separaten Zahlungen für Research und Handelsgeschäfte verpflichtet, steht im Begriff, das Gesicht ihrer Branche zu verändern. In Pngs Augen wird MiFID II jene Analysten, die schlechte Arbeit leisten, "aussortieren", und zudem Chancen für andere schaffen.

Im Rahmen der ab 2018 gültigen neuen europäischen Finanzmarktrichtlinie MiFID II sind Finanzdienstleister verpflichtet, unter anderem die Kosten für Research gegenüber Kunden transparent zu machen und festzulegen, wie diese Aufwendungen finanziert werden.

«Zeit der Offenbarung»

"Hoffentlich werden sich mit MiFID Chancen ergeben, denn es wird eine Zeit der Offenbarung für Fondsmanager sein", sagt Png in einem Interview mit Bloomberg News. Sie hat die Firma Crucial Perspective im vergangenen November gegründet und deren Website im März gestartet. "Sie werden keine mittelmässige Arbeit akzeptieren und dafür bezahlen wollen."

Ironischerweise beinhaltet das Geschäftsmodell von Png ebenfalls nicht, dass Kunden für Research bezahlen. Sie stellt ihre Berichte kostenlos zur Verfügung und erwartet, dass Werbung etwa die Hälfte vom Umsatz ausmachen wird. 

Geld mit Anzeigen zu verdienen, das gebe ihr mehr Freiheit in dem, was sie abdeckt, sagt Png, die es ablehnt, Details über die Leserschaft ihrer Website oder über Kunden, die ihre Arbeit nutzen, zu nennen. Ihr Online-Portal ist derzeit noch werbefrei, da sie versucht, die Leserzahlen zu erhöhen. Sie hat einen Partner, der sich um die technologische Seite des Unternehmens kümmert. Werbe-Einnahmen sind "der reinste Weg, unabhängig zu bleiben", erklärt Png. "Es ist völlig getrennt vom Geld der Fondsmanager, von den Unternehmen - und das wird den Adressaten wirklich klar sein."

Fluggesellschaften und Schifffahrt

Png arbeitete bis Oktober 2016 bei J.P. Morgan, nachdem sie 2008 zur Bank gewechselt war. Zuvor hatte sie ab 2003 Transport-Aktien für Citigroup beobachtet. Davor wiederum stand sie ab 2001 in den Diensten von HSBC. J.P. Morgan wollte auf Nachfrage von Bloomberg keinen Kommentar abgeben.

Vergangenes Jahr belegte sie den dritten Platz in der Umfrage von Asiamoney Brokers in der Kategorie Transport Asien-Pazifik ohne Japan. Und sie war im Spitzenfeld beim Hong Kong Society of Financial Analyst Best Research Report Competition 2015 zu finden. Png deckt 17 Unternehmen aus Branchen wie Fluggesellschaften und Schifffahrt ab. Ihre ausgewählten Aktien haben in den vergangenen sechs Monaten einen durchschnittlichen Ertrag von 10 Prozent erzielt - verglichen mit einen durchschnittlichen Ertrag von 3,8 Prozent bei ihren Analystenkollegen, wie Daten von Bloomberg zeigen.

Wenn die Analysequalität gut genug ist, werde das Geld letztlich folgen, sagt Png. In der Zwischenzeit hält sie die Kosten niedrig, indem sie von zu Hause aus arbeitet. Sie habe sich keine Frist dafür gesetzt, rentabel zu werden. "Ich werde ein Versuchskaninchen sein und Sie werden wahrscheinlich in ein paar Jahren wissen, ob meine Firma überlebt hat oder nicht", sagte Png. "Falls nicht, okay, dann gehe ich einfach zu einem Vorstellungsgespräch. Das Leben geht weiter."

(Bloomberg/AWP/cash)