Mindestens 75 Tote bei Selbstmordattentat mitten in Bagdad

Bagdad (awp/sda/afp) - Eine Woche nach der Rückeroberung der IS-Hochburg Falludscha durch die irakische Armee hat die Terrormiliz IS in Bagdad den schwersten Anschlag seit Monaten verübt: Im Zentrum der irakischen Hauptstadt riss ein Selbstmordattentäter in der Nacht zum Sonntag mindestens 75 Menschen mit in den Tod.
03.07.2016 14:02

Mehr als 130 weitere Menschen wurden nach Behördenangaben verletzt. Der Sprengsatz explodierte in dem belebten Geschäftsviertel Karrada, wo wegen der bevorstehenden Feierlichkeiten zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan viele Menschen ihre Einkäufe erledigten.

Der Islamische Staat (IS) erklärte laut dem auf die Beobachtung islamistischer Websites spezialisierten US-Unternehmen Site, der Selbstmordanschlag habe sich gegen Schiiten gerichtet. Die sunnitische IS-Miliz verübt immer wieder Anschläge auf Zivilisten in Bagdad und anderen irakischen Städten.

Am Anschlagsort waren zahlreiche Helfer im Einsatz. Männer bargen zwei Leichen aus einem brennenden Gebäude. Feuerwehrleute löschten den Brand, der sich durch die Detonation entzündet hatte. Überall lagen Trümmerteile herum.

Wut richtet sich gegen Regierung

Ministerpräsident Haidar al-Abadi besuchte den Anschlagsort und versprach nach Angaben seines Büros, die für die Tat Verantwortlichen würden "bestraft". Wegen der Wut der Anwohner zog er sich jedoch schnell wieder zurück, wie die unabhängige Webseite Alsumaria News berichtete.

In einem im Internet verbreiteten Video waren Bürger zu sehen, die ihrem Ärger über Unfähigkeit der Regierung Luft machten, derartige Taten zu verhindern. Sie warfen Steine auf einen Autokonvoi, in dem sich den Angaben zufolge Abadi befand.

Der IS hatte 2014 die Kontrolle über weite Teile des Irak übernommen. In der Folge ging die Zahl der Anschläge in Bagdad zurück - offenbar konzentrierten sich die Dschihadisten auf ihre Gebiete nördlich und westlich der Hauptstadt.

Zuletzt verlor der IS aber einige Gebiete wieder, vor einer Woche eroberte die irakische Armee auch die Stadt Falludscha 50 Kilometer westlich von Bagdad zurück. Die Regierung feierte die Rückeroberung der IS-Hochburg als grossen Erfolg.

Kommandanten getötet

Die Eroberung von Falludscha war von US-gestützten Luftangriffen unterstützt worden. Am Freitag verkündeten die USA zudem die Tötung zweier IS-Kommandanten im Irak. Diese seien bei einem Luftangriff nahe Mossul getötet worden, der letzten noch vom IS kontrollierten irakischen Grossstadt. Die irakischen Truppen und ihre Verbündeten konzentrieren sich derzeit auf die Befreiung von Mossul.

Der Anschlag vom Sonntag ist der bislang blutigste Anschlag in Bagdad in diesem Jahr. Er ist zudem der erste grössere Angriff des IS in der irakischen Hauptstadt, seit bei einem Doppelanschlag am 17. Mai fast 50 Menschen getötet und mehr als hundert weitere verletzt wurden.

Wegen der unzähligen Fahrzeuge, die täglich die Stadtgrenzen von Bagdad passieren, sind solche Anschläge kaum vermeidbar. Hinzu kommt, dass die Sicherheitskräfte noch immer nicht funktionierende Bombendetektoren verwenden, die ein britischer Geschäftsmann einst an den Irak verkaufte.

(AWP)