Nach turbulentem Drittquartal: Wie geht es am Aktienmarkt weiter?

Das Brexit-Votum hat im dritten Quartal auch den Schweizer Aktienmarkt durcheinander gewirbelt. Bis zum Jahresende werden es aber die Notenbanken und weniger die Politiker sein, welche die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
28.09.2016 23:01
Von Marc Forster
Was bringt das vierte Quartal?
Was bringt das vierte Quartal?
Bild: iNg

In den vergangenen drei Monaten schwankte der SMI zwischen 7725 und 8350 Punkten, wobei der Tiefstwert, der sich direkt auf den Quartalsanfang bezieht, einen wichtigen Grund hat: Mit dem Brexit-Votum am 23. Juni ging es an allen Börsen abwärts. Der Brexit-Schock war aber nach nur wenigen Wochen überwunden, vor allem deswegen, weil die britische Regierung bisher noch gar keine konkreten Schritte unternommen hat, den Austritt aus der EU in Gang zu setzen. Auch wirtschaftlich hat der Abstimmungsentscheid moderate Auswirkungen gezeigt.

Der Schweizer Aktienmarkt indessen zeigt ein Bild, das seit mehreren Quartalen bekannt ist. Trotz anhaltend starkem Franken steigen die Aktien vieler klein und mittelgross kapitalisierter Unternehmen stärker als die grossen SMI-Titel. Beste Aktie im SMI in den vergangenen drei Monaten war LafargeHolcim mit einem Plus von 40,4 Prozent. Diese Steigerung hat mit dem Brexit-Schock zu tun und wird sich im vierten Quartal so höchstwahrscheinlich nicht wiederholen.

Auch die Credit Suisse mit 21,2 Prozent Steigerung gibt einen verzerrten Eindruck ab: Seit Jahresanfang hat die Aktie um 43 Prozent eingebüsst, und die jüngste De-facto-Gewinnwarnung wird das Bild weiter trüben. Die sich gerade zuspitzende Krise der Deutschen Bank dürfte sich generell als Bremse für Bankentitel erweisen. Vielversprechender sind die Kursgewinne bei ABB, Geberit, Swiss Life oder Zurich. Bei ABB steht Anfang Oktober der Investorentag an, der Aufschluss über die weitere Strategie gibt.

SMI-Aktien mit den höchsten Steigerungen Performance 3 Monate SMI-Aktien mit den geringsten Steigerungen Performance 3 Monate
LafargeHolcim 40,4 Prozent Swatch 1 Prozent
Credit Suisse 21,2 Prozent Roche 1,1 Prozent
Geberit 20,8 Prozent UBS 3,4 Prozent
Syngenta 15,8 Prozent SGS 3,5 Prozent
ABB 15,6 Prozent Novartis 3,6 Prozent
Swiss Life 15,1 Prozent Swisscom 4,3 Prozent
Adecco 14,9 Prozent Julius Bär 8,1 Prozent
Zurich 13,1 Prozent Nestlé 8,2 Prozent
Actelion 11,6 Prozent Givaudan 9,3 Prozent
Swiss Re 10,2 Prozent Richemont 9,8 Prozent

Tabellen: cash.ch, Interactive Data

Bei den Aktien mit geringeren Kursgewinnen finden sich die Schwergewichte Nestlé, Roche und Novartis, die massgeblich die Performance des SMI beeinflussen. Sie hatten allgemein kein gutes Jahr, was das Leiden der Large Caps verdeutlicht. Dies könnte aber ein baldiges Ende haben, sagt Thomas Steinemann, Anlagechef der Bank Bellerive. 

"Die Unternehmenszahlen zum dritten Quartal werden nicht herausragend sein", sagt der Investment-Spezialist. Auf den Aktienmarkt bezogen sei aber ein Revival bei den Large Caps möglich, entweder im vierten Quartal oder Anfang 2017. "Bisher hatten ja die Small und Mid Caps ein gutes Jahr, aber dafür gib es keinen wirklich guten Grund: Weder China, der Euro noch die US-Konjunktur sprechen dafür, dass diese meist zyklischen Titel weiter so gut gehen sollten. Ausserdem sind die Bewertungen mittlerweile stattlich", sagt Steinemann. Dies spreche alles für einen Paradigmenwechsel hin zu den Large Caps.

Derzeit überflügelt der SPI mit einer Drei-Monate-Performance von 6,1 Prozent den SMI, der um 5,2 zulegen konnte. Aber auch hier gibt spiegelt die Darstellung nicht das ganze Bild. Looser, die beste Aktie im Quartal, verdankt ihre Wertverdoppelung nur der Übernahme mit AFG Arbonia Forster. Auch die Bankengruppe EFG, die sich an der Börse um ein Drittel steigerte, gehörte zu den verlustreichsten Aktien in einem Quartal. Typischer für den Small- und Mid-Cap-Boom der vergangenen Monate sind beispielsweise Hochdorf und Gurit, also industrielle und dabei spezialisierte Unternehmen.

SPI-Aktien mit den höchsten Steigerungen Performance 3 Monate SPI-Aktien mit den grössten Kursverlusten Performance 3 Monate
Looser 95,5 Prozent Accu Holding -54,7 Prozent
Wisekey 66,1 Prozent Airopack -24,6 Prozent
Schweizerische Nationalbank 58 Prozent Santhera -22,9 Prozent
Hochdorf 57,9 Prozent Kuros Biosciences -20,6 Prozent
Newron Pharma 57,7 Prozent Lifewatch -20,2 Prozent
Gurit 45,6 Prozent Evolva -19,7 Prozent
Logitech 44,7 Prozent Gottex -14,3 Prozent
VAT Group 40,1 Prozent Zwahlen & Mayr -11,8 Prozent
Lastminute.com 37 Prozent Banque Cantonale Jura -11 Prozent
EFG 34,5 Prozent Leclanché -10,5 Prozent

Auffälliger sind eher die Börsenneulinge Wisekey und VAT, die unter die Top Ten geklettert sind. Beim IT-Sichherheitsspezialisten gab es vor allem in Juli einen Kursschub, während die auf Vakuumventile ausgerichtete VAT Group einen kontinuierlich steigenden Kurs anzeigt. Seit dem Börsengang im März ist die Aktie 70 Prozent mehr wert, aber auch schon - und damit typisch für Small- und Mid-Caps - auf ein bereits ziemlich hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 29 gestiegen.

Unter den grössten Verlierern finden sich rote Zahlen schreibende Unternehmen wie die Accu Holding (Industrie) oder Gottex (Finanzbranche) sowie spekulative Aktien wie jene der Biotech-Firmen Santhera oder Kuros Bioscience. Ein Ende genommen hat der Hohenflug der Leclanché-Aktie. Der Waadtländer Energiespeicherhersteller hat an der Börse eine zeitlang von der Beteiligung durch einen China-Investoren profitiert.

Präsidentenwahlen und Zinsentscheide

Zurück zum Gesamtbild: Nachdem der Brexit zu reden gab und gibt, wird auch im vierten Quartal an den Märkten viel von Politik gesprochen werden, denn Anfang November besetzen die USA das Präsidentenamt neu. Ein Wahlsieg des Republikaners Donald Trump, über dessen Wirtschaftsprogramm keine Klarheit herrscht, könnte kurzfristig ähnliche Wackler wie die Brexit-Nachricht vom Juni auslösen. Gewinnt Hillary Clinton die Wahlen, dürften sich die Börsen in der Schweiz und in anderen Ländern weniger stark vom Wahlergebnis beeinflussen lassen.

Viel stärker als die Politiker aber geben nach wie vor die Notenbanker den Aktienmärkten den Takt vor. Das dritte Quartal erweis sich im Nachhinein als geldpolitisch unspektakulär. Nach dem Brexit-Votum hat die Bank von England den Leitzins von 0,5 auf 0,25 Prozent gesenkt und weitere Senkungen in Aussicht gestellt. Im an Terminen dichtgedrängten September hat aber keine der grossen Zentralbanken ihre Zinsen geändert.

Notenbank Leitzins Tendenz
Federal Reserve (Fed) 0,25 - 0,5
Europäische Zentralbank (EZB) 0
Schweizerische Nationalbank (SNB) -1,25 - -0,25
Bank von Japan 0
Bank von England 0,25

Dies dürfte auch im vierten Quartal (fast) so bleiben. Am 1./2. November und am 13./14. Dezember tagt allerdings der Offenmarktausschuss der Federal Reserve. Während der November-Termin zu dicht an den Präsidentenwahlen liegt, ist eine Leitzinserhöhung im Dezember möglich. Dies setzt neben robusten US-Wirtschaftsdaten aber auch voraus, dass Hillary Clinton US-Präsidentin wird. Janet Yellen könnte bei einem Trump-Sieg zurücktreten und den Prozess der allmählichen Zinserhöhungen verzögern.

Eine Zinssenkung der EZB ist unwahrscheinlich, auch wenn Italiens Banken weiter taumeln. Für etwas Verunsicherung könnte sorgen, wenn die Wählerinnen und Wähler in Italien am 4. Dezember das Verfassungsreferendum versenken: Premierminister Matteo Renzi hat sein politisches Überleben daran geknüpft. Die SNB ihrerseits dürfte den Negativzins vor allem dann ausweiten, wenn die EZB die Zinsen senkt.