Nariman Behravesh - «Das ist kein irrationaler Überschwang an den Börsen»

Nariman Behravesh, Chefökonom von IHS Markit, sieht Wirtschaft und Börse noch ein bis zwei Jahre brummen. Im cash-Video-Interview am WEF nennt er aber zwei Gefahren, welche den Anlegern die Suppe versalzen könnten.
23.01.2018 15:30
Von Daniel Hügli, Davos
Nariman Behravesh, Chefökonom IHS Markit, im Video-Interview mit cash.
Bild: cash

Die Stimmung unter den Teilnehmern am Weltwirtschaftsforum, das am Dienstag begonnen hat, ist äusserst gelassen. Das darf nicht erstaunen. Die Aktienmärkte haben eines der besten Jahre hinter sich, das Wachstum weltweit ist breit abgestützt, und selbst etwas störende Entwicklungen wie das Anziehen des Ölpreises sind am WEF kein Thema. Das war vor zwei Jahren noch ganz anders. Damals lagen die Nerven der WEF-Besucher wegen fallender Aktienmärkte aufgrund von Wachstumsbedenken in China noch blank.

Der 70-jährige Nariman Beharvesh, Chefökonom der international tätigen Consultingfirma IHS Markit, beobachtet den Gang der Weltwirtschaft beruflich seit über 40 Jahren. Die relaxte Stimmung am WEF überrascht auch ihn nicht. "Das Wachstum findet nicht nur in den USA statt, sondern auch in der Eurozone und in Japan. Und einige Schwellenländer wie etwa Brasilien oder Russland kommen aus der Rezession", sagt Behravesh im Video-Interview mit cash im Kongresszentrum in Davos.

Behravesh, der ursprünglich aus dem Iran stammt und bei IHS Chef von rund 400 Ökonomen und Analysten ist, glaubt, dass das Konjunkturwachstum noch ein bis zwei Jahre anhält. Auch der Internationale Währungsfonds rechnet mit einem weiteren Anziehen der Weltwirtschaft, wie er am Montag in Davos bekannt gab. 

Eine grosse Korrektur an den Aktienmärkten ist für Beharavesh daher unwahrscheinlich. Mit Blick auf die seit Jahresbeginn weiter gestiegenen Kurse an den Börsen sagt er: "Schauen Sie, die Anlager reagieren bloss auf die Unternehmensgewinne, und die sind sehr gut. Das ist kein irrationaler Überschwang an den Börsen." 

«Zu heisse Wirtschaft» als Gefahr

Die Voraussetzungen auf Firmenseite bleiben gut, zumindest in den USA. Mit der Senkung der Unternehmenssteuer zum Jahreswechsel von 35 auf 21 Prozent machte US-Präsident Donald Trump den US-Konzernen ein schönes Geschenk, das die Gewinne noch mehr sprudeln lässt, als sie es wegen der anziehenden Konjunktur sowieso schon tun. Experten, die vor der Reform mit einem einstelligen Gewinnplus bei US-Konzernen 2018 gerechnet haben, gehen nun oft von zweistelligen Zuwachsraten aus, schreibt Reuters.

"Die Aktienmärkte werden heuer sicher nicht in dem Mass steigen wie 2017, das war ausserordentlich", schränkt Behravesh ein. Möglichkeiten für Rückschläge lauern an den Börsen immer. Die grösste Gefahr für eine deutliche Korrektur sieht der IHS-Chefökonom dann, wenn es der Wirtschaft zu gut gehe, oder, wie er sagt, wenn sie "zu heiss läuft". In einem Umfeld von anziehender Inflation müssten die Zentralbanken die Leitzinsen früher anheben als dies die Märkte erwarten. 

Die Bedenken sind nicht aus der Luft gegriffen. Innerhalb der US-Notenbank gibt es immer mehr Befürworter einer härteren Gangart bei Zinserhöhungen. Derzeit liegt der Zinssatz in einer Spanne von 1,25 bis 1,5 Prozent. Die Märkte haben sich auf drei Schritte nach oben 2018 eingestellt. Angesichts einer drohenden Überhitzung am US-Arbeitsmarkt könnten es auch deren vier werden, frei nach der Devise: eher früher als später.

Eine zweite, etwas geringere Gefahr für die Aktienmärkte sieht Beharvesh beim Protektionimus und in der Gefahr von Handelskriegen, etwa zwischen den USA und China oder zwischen den USA, Kanada und Mexiko. "Das könnte erheblichen Schaden anrichten", sagt Beharavesh. 

Ins gleiche Horn stiess Indiens Premier Narendra Modi in seiner WEF-Eröffnungsrede am Dienstag. "Die Kräfte des Protektionismus erheben ihre Köpfe gegen die Globalisierung", sagte er. Modi verwies auf neue Zölle sowie stockende Bemühungen bei neuen internationalen Handelsverträgen. Damit stellte sich Modi gegen die "America-First"-Politik von Trump. Dieser hatte am Montag neue Einfuhrzölle auf Waschmaschinen und Solarpanels eingeführt.

Im cash-Video-Interview sagt Nariman Behraveh zudem, was er von der Rede von Donald Trump am Freitag am WEF erwartet.