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«Negativ überrascht und erschrocken»

Die Schweizer Konjunktur verliert im zweiten Quartal deutlich an Schwung. Reihenweise revidieren Ökonomen nun ihre Wachstumsprognosen für das Jahr 2014 nach unten. Das zeigt eine Umfrage von cash.
02.09.2014 16:56
Von Ivo Ruch
Daniel Kalt ist Chefökonom Schweiz der UBS.
Daniel Kalt ist Chefökonom Schweiz der UBS.
Bild: cash

Die Schweizer Wirtschaft steht still. Im zweiten Quartal des Jahres ist das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) gegenüber dem Vorquartal unverändert geblieben. Im Vergleich mit dem zweiten Quartal des letzten Jahres resultiert ein Wachstum  von 0,6 Prozent, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) am Dienstagmorgen mitteilte.

Zwar hatten die meisten Experten augrund von negativen Vorgaben aus Europa auch für die Schweiz mit einer Wachstumsabschwächung gerechnet. Doch das Ausmass erwischt nun auch Ökonomen auf dem falschen Fuss.

"Ich bin negativ überrascht und auch ein wenig erschrocken", sagt Daniel Kalt, Chefökonom Schweiz der UBS, auf Anfrage von cash. Als Konsequenz werde die UBS ihre Jahresprognose 2014 nach unten korrigieren, so Kalt. Über das Ausmass der Revision der UBS-Schätzung will sich Kalt noch nicht äussern. Im April noch hatte die UBS an ihrer BIP-Prognose von 2,1 Prozent Wachstum für das Gesamtjahr festgehalten.

Auch Raiffeisen-Chefökonom Martin Neff muss aufgrund der jüngsten Entwicklungen zurückkrebsen. "Wir passen unsere BIP-Prognose insgesamt deutlich auf 1,5 Prozent nach unten an", schreibt Raiffeisen am Dienstag in einer Mitteilung. Neff rechnete ursprünglich für 2014 mit einem Wachstum von optimistischen 2,6 Prozent und war mit seiner Schätzung einer der "Bullen" unter den BIP-Prognostikern.

Handelszahlen und Geopolitik

Grund für den wirtschaftlichen Kriechgang in der Schweiz sind laut Seco unter anderem die Handelszahlen. Die Exporte nahmen langsamer zu als die Importe, während die Konsumausgaben der Privathaushalte und der nichtstaatlichen Organisationen bloss um 0,2 Prozent zulegen konnten. Im Finanzsektor entwickelte sich zudem die Wertschöpfung stagnierend bis rückläufig.

Ein weiteres Problem ist die wirtschaftlich angespannte Situation in der Euro-Zone, was das Umfeld für Schweizer Exporte zusätzlich eintrübt. Denn beim wichtigen Handelspartner Deutschland ging das Bruttoinlandprodukt im zweiten Quartal zurück, während es in Frankreich stagnierte. Und Italien fiel sogar in die dritte Rezession seit 2008 zurück.

Hinzu kamen geopolitische Unwägbarkeiten, wie der Konflikt in der Ostukraine oder im Irak. "Insbesondere hat die Vielfalt der Unsicherheiten im Verlauf des zweiten Quartals weiter zugenommen", schreibt das BAK in einer aktuellen Mitteilung. Eine Anpassung ihrer Konjunkturprognose nach unten sei folglich zu erwarten, sagt Alexis Bill Körber vom BAK Basel zu cash.

Unter diesen Bedingungen hätten sich die wirtschaftlichen Aussichten für die Schweiz eingetrübt, so das BAK weiter. Martin Neff von der Raiffeisen-Gruppe bemerkt gegenüber cash hingegen, dass  einige Vorlaufindikatoren für das dritte Quartal gar nicht so schlecht aussähen. Er erkennt in den Daten für den Juni einige positive Tendenzen für die Zukunft.

Sarkastische Folgen

Dass sich ein solches Umfeld nicht positiv auf die Arbeitslosigkeit auswirke, sei logisch, sagt Körber vom BAK. In welchem Umfang, ist aber noch schwierig abzuschätzen. Zudem spielt auch die Zuwanderung eine nicht unwichtige Rolle, sagt UBS-Ökonom Kalt. "Eine konjunkturelle Abschwächung könnte die schon fast sarkastische Folge haben, dass wir die Masseneinwanderungsinitiative gar nicht bräuchten, weil die Sogwirkung vom Arbeitsmarkt und damit die Immigration ganz natürlich nachlässt."

Weil die Schweiz eine kleine Volkswirtschaft ist, sind die BIP-Zahlen generell eher volatil und deswegen schwer vorherzusagen. Kommt hinzu, dass Ende September die Berechnungsgrundlage für das BIP dem Europäischen System angepasst wird. Die wichtigste Änderung: Neu werden Ausgaben von Forschung und Entwicklung als Investitionen behandelt. Experten rechnen damit, dass diese statistische Neuerung zu einem Anstieg des BIP-Niveaus führen wird.