«Negativzins schafft Erfahrungswelt ab»

ZKB-«Schatzmeister» Martin Bardenhewer zieht nach einem Jahr Negativzinsen Bilanz. Er erklärt, warum der Begriff Strafzins etwas irreführend ist und wagt eine Prognose, ob auch Kleinsparer bluten werden müssen.
08.01.2016 13:46
Interview: Marc Forster
Martin Bardenhewer ist Leiter Treasury bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).
Martin Bardenhewer ist Leiter Treasury bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB).
Bild: ZVG

Gleichzeitig mit der Aufhebung der Euro-Franken-Kursuntergrenze führte die Schweizerische Nationalbank vor knapp einem Jahr per sofort einen Negativzins von 0,75 Prozent ein. Die Banken reagierten darauf wenig erfreut. Sie senkten die Zinsen auf Konten weiter reichten den Negativzins an Kunden weiter, die höhere Geldbeträge auf der Bank haben.

Die Kleinsparer unter den Bankkunden fürchten seitdem, dass auch sie zur Kasse gebeten zu werden; Warum dies aber nicht zwingend passiert, sagt Martin Bardenhewer, Leiter Treasury (Schatzmeister oder Kassenverwalter) bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) im cash-Interview. Er erklärt aber gleichzeitig auch, warum mit der neuen Realität der Minuszinsen nichts mehr wirklich sicher ist.

cash: Was ist die Erfahrung der Banken mit dem Negativzins, der nun seit fast einem Jahr gilt?

Martin Bardenhewer: Banken müssen den Negativzins auf Kunden umlegen, sonst erzeugt die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank (SNB) gar keine Wirkung. Das tun die Banken typischerweise aber nicht bei kleinen Privatkunden, sondern bei grossen professionellen Gegenparteien. Dort geschieht das bei Vermögen, die reine Anlagevermögen sind.

Es gibt nun bei den Banken zwei Teile der Bilanz. Was heisst dies im Detail?

Schweizer Banken müssen bei der SNB ja nicht für alle Einlagen Negativzinsen zahlen. Der Negativzins ist kein Strafzins für Banken, sondern ein Marktzins. Null Prozent Zins ist ein Vorzugszins. Beim viel grösseren Teil der Kundengelder kommt dieser zur Geltung. Banken müssen jetzt entscheiden, welcher Teil der Gelder wohin gehören soll: Der Interbankenmarkt als grösstes und professionellstes Segment sind auf jeden Fall im Negativzins-Bereich, aber eben nicht das Segment der Kleinsparer. Dies entspricht ja auch der Grundidee der SNB.

Müssen sich Kleinsparer nicht trotzdem Sorgen machen, wenn die Negativzinsphase noch lange andauert?

Wenn sich die SNB nicht nochmals bewegt, glaube ich das nicht, obwohl der Druck auf die Bilanzen natürlich zunehmen wird. Durch die Interventionen der SNB kommen ja weiterhin Franken in den Markt, die dann auf den Bilanzen der Banken landen. Es ist allerdings extrem schwer vorhersehbar, was passieren würde, wenn die SNB den Negativzins ausweitete. Seit dem 15. Januar 2015 wissen wir, dass wir nicht mehr in einem Bereich sind, wo wir uns auf Theorien und Erfahrungen abstellen können. Es heisst jetzt, von der Situation zu lernen und schnell und berechenbar zu reagieren. Der Markt erwartet überdies, dass die Negativzinsen noch sicher fünf Jahre andauern werden. Es wird sicherlich kein kurzfristiges Phänomen sein.

Beurteilen Sie die Negativzins-Politik der SNB - im Sinne einer Zwischenbilanz - als Erfolg?

Die Massnahme führt zu vielen Schwierigkeiten, weil wir ausserhalb der Erfahrungswelt sind. Man muss aber auch feststellen, dass die SNB dadurch mehr Möglichkeiten hat, als entweder nur den starken Franken zu akzeptieren oder nur in hohem Umfang zu intervenieren. Die SNB hat nun mehr Handlungsspielraum.