Neue Provokation Nordkoreas: Kim Jong Un testet Wasserstoffbombe

(Zusammenfassung mit weiteren Angaben ergänzt, insbesondere Angaben Trumps zu möglichem Handelstopp) - Gegen alle Sanktionen hat Nordkorea mit seinem bisher grössten Atomwaffentest erneut die Welt provoziert. Machthaber Kim Jong Un liess nach nordkoreanischen Angaben eine Wasserstoffbombe testen, die ein Vielfaches stärker ist als herkömmliche atomare Sprengsätze. Der sechste Atomversuch Nordkoreas seit 2006 löste weltweit scharfe Kritik aus. US-Präsident Donald Trump schloss eine militärische Reaktion nicht aus: "Wir werden sehen", antwortete Trump auf entsprechende Fragen in Washington.
03.09.2017 20:24

Der Konflikt mit Nordkorea heizt sich seit Monaten auf. Am Dienstag hatte Nordkorea erneut eine Mittelstreckenrakete getestet. Die Rakete flog über den Norden Japans. Seither wird bereits über neue Sanktionen diskutiert. Peking spielt eine wichtige Rolle, weil rund 90 Prozent des Handels mit dem isolierten Land über China laufen.

Der US-Präsident wollte noch am Sonntag mit seinem Sicherheitsteam über Konsequenzen beraten. Die USA erwägen seinen Angaben nach auch einen Handelsstopp mit allen Ländern, die noch Geschäfte mit Nordkorea betreiben. Auf Twitter bezeichnete Trump Nordkorea als "Schurkenstaat", der eine Bedrohung für die USA darstelle und bei dem eine "Sprache der Beschwichtigung" nicht funktioniere.

Das nordkoreanische Atomwaffeninstitut sprach von einem "perfekten Erfolg". Der Test sei erfolgreich verlaufen, verkündete eine Sprecherin am Sonntag mit feierlicher Stimme im Staatsfernsehen. Mit der Bombe könne eine neue Interkontinentalrakete (ICBM) bestückt werden. Die USA verfolgen die Entwicklung der Atomsprengköpfe und der Interkontinentalraketen mit besonderer Sorge, weil sie einen Schlag gegen amerikanisches Territorium befürchten.

Der Atomtest ist aber auch ein Affront für die direkten Nachbarn China und Russland. Er erfolgte unmittelbar vor dem Gipfel der Brics-Staaten in der chinesischen Hafenstadt Xiamen, wo die Staats- und Regierungschefs aus China, Russland, Indien, Brasilien und Südafrika am Montag zusammenkommen. Nach Gesprächen sofort nach seiner Ankunft forderten Russlands Präsident Wladimir Putin und Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, "angemessen" mit dem Atomtest umzugehen. Beide bekräftigten das Ziel einer koreanischen Halbinsel ohne Atomwaffen und wollen ihr Vorgehen koordinieren.

Der Atomtest war der bisher stärkste Nordkoreas. Erste Hinweise gab ein Erdbeben der Stärke 6,3 in der Provinz Nord-Hamgyong im Nordosten, wo auch schon frühere Nuklearversuche unternommen worden waren. Das Beben war in Südkorea und in Nordostchina spürbar. Chinas Erdbebenamt meldete ein zweites Erdbeben der Stärke 4,6. Es seien wohl Hohlräume zusammengebrochen. Chinas Umweltbehörden konnten keine auffällige radioaktive Strahlung in den Grenzprovinzen messen.

Die Sprengkraft war um ein Vielfaches stärker als bei den letzten Tests, die bei 15 bis 25 Kilotonnen lagen. Nach eigenen Messungen geht die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) von "wenigen hundert Kilotonnen" aus. Die Atombombe, die im Zweiten Weltkrieg von den USA über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen wurde, hatte eine Sprengkraft von 15 Kilotonnen TNT. Taiwans Präsident Tsai Ing-wen rief den Nationalen Sicherheitsrat zu einer Krisensitzung zusammen. Taipeh ist nur 1600 Kilometer von Pjöngjang entfernt.

UN-Generalsekretär António Guterres sprach von einer "weiteren schwerwiegenden Verletzung" internationaler Abkommen. EU-Ratspräsident Donald Tusk drohte Nordkorea mit einer Verschärfung der Sanktionen. Der Atomwaffenrest zwinge die internationale Gemeinschaft zu einer raschen und entschlossenen Reaktion: "Die Risiken werden zu gross."

Südkorea und Japan verurteilten den Test. Ministerpräsident Shinzo Abe nannte ihn absolut inakzeptabel. Südkoreas Regierung sprach von einer "rücksichtslosen Provokation" und forderte härtere Sanktionen, um Nordkorea komplett zu isolieren. Mit dem Verbündeten USA will Seoul auch über die Verlegung "der stärksten taktischen Waffen" nach Südkorea diskutieren. Ob damit die erneute Stationierung von taktischen Atomwaffen gemeint war, blieb unklar.

In einem Telefongespräch hatte sich Präsident Moon Jae In mit Trump schon am Freitag auf einen Ausbau der Verteidigungsfähigkeit Südkoreas geeinigt. Die USA haben in Südkorea 28 500 Soldaten als Abschreckung stationiert und das Land unter ihren "atomaren Schutzschild" gesetzt.

Auch China und Russland kritisierten den Atomtest Nordkoreas. Das Pekinger Aussenministerium äusserte "entschiedenen Widerstand". Nordkorea solle aufhören, "falsche Aktionen zu unternehmen, die die Situation verschlimmern". Russland warnte Nordkorea vor schwerwiegenden Folgen. "Unter diesen Bedingungen ist es unerlässlich, Ruhe zu bewahren und jegliche Handlungen zu unterlassen, die zu einer weiteren Eskalation der Spannungen führen." Es gebe keine Alternative zu Verhandlungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Emmanuel Macron verurteilten den neuen Atomtest "aufs Schärfste". Beide seien sich bei einem Telefonat darin einig gewesen, "dass Nordkorea das internationale Recht mit Füssen tritt und dass daher die Staatengemeinschaft auf diese erneute Eskalation geschlossen und entschieden reagieren muss", teilte das Bundespresseamt mit.

Bundesaussenminister Sigmar Gabriel warf Nordkorea vor, die ohnehin hochangespannte Lage auf der koreanischen Halbinsel bewusst weiter anzuheizen. "Dieser Bedrohung sind wir alle gemeinsam ausgesetzt. Jetzt heisst es daher, gemeinsam eine besonnene, aber eindeutige Antwort zu finden", sagte Gabriel. Er warnte vor einem militärischen Vorgehen: "Man kann in Nordkorea nicht militärisch intervenieren."

Gabriel zeigte sich besorgt über hitzige Reaktionen der USA: "Der Verteidigungsminister und der Aussenminister haben eine ganz realistische Sichtweise, das sind kluge Leute. Bloss gefährlich, wenn der Präsident anderer Meinung ist", sagte Gabriel im Wahlkampf in seiner Heimatstadt Goslar.

Schon bei dem letzten Atomversuch im Januar vergangenen Jahres hatte Nordkorea von einem Wasserstoffbombentest gesprochen. Experten hatten allerdings die Angaben bezweifelt. Unmittelbar vor dem neuen Test am Sonntag gab Kim Jong Un bei einem Besuch im staatlichen Atomwaffeninstitut vor, jetzt auch eine Wasserstoffbombe zu besitzen, die auf eine Interkontinentalrakete montiert werden könne.

Das Institut habe damit den Vorgaben der herrschenden Arbeiterpartei entsprochen, einen Durchbruch bei der atomaren Bewaffnung zu erzielen, berichteten Staatsmedien. Der Fortschritt basiere auf dem Erfolg, der mit dem ersten Wasserstoffbombentest im Januar 2016 erzielt worden sei. Die Angaben liessen sich nicht überprüfen.

Das diplomatisch isolierte Nordkorea hat den USA und Südkorea schon mehrfach mit einem präventiven Atomschlag gedroht. Dabei wurde auch die US-Pazifik-Insel Guam ins Visier genommen, wo die USA einen grossen Militärstützpunkt unterhalten. Bisher wurde angezweifelt, dass Nordkorea bereits über die Technologie verfügt, einen Sprengkopf so zu verkleinern, dass er auf eine Rakete passt. Auch sei fraglich, ob ein solcher Sprengkopf den Wiedereintritt der Rakete in die Erdatmosphäre übersteht./lw/dg/DP/he

(AWP)