Neue Regeln bei Investment-Analysen - Die Rockstar-Ära für Analysten wird bald vorbei sein

Der Umbau eines alten Systems zur Bezahlung von Aktien-Analysen soll die Transparenz erhöhen und die Konflikte reduzieren. Allerdings werden dann wohl nicht mehr so viele Leute den Beruf des Analysten ergreifen wollen.
17.04.2017 07:58
Bald dürfte sich die Zahl der Analysten reduzieren.
Bald dürfte sich die Zahl der Analysten reduzieren.
Bild: pixabay.com

Beide Einschätzungen kommen von Craig Moffett. Er sieht einen Boom für seine eigene Boutique-Firma MoffettNathanson, wenn nächstes Jahr in Europa neue Regeln eingeführt werden, um Fondsmanager daran zu hindern, Kunden-Aktiva für die Bezahlung von Analysen zu verwenden.

Seine Firma verlange einen jährlichen Abo-Preis von 100.000 Dollar für Einsichten in die Telekom- und Medienbranche und mehr Geld für zusätzliche Telefonate mit Analysten und Managern, berichten drei Kunden gegenüber Bloomberg. Die neuen Regeln dürften Unternehmen wie das von Moffett, die ohne finanzielle Mithilfe aus Handelskommissionen existieren können, am Markt etablieren.

Die Regeln, auch bekannt als MiFID II, sollen eine Praxis eindämmen, bei der Fondsgesellschaften ihre Aktienorders an bestimmte Firmen leiten – als eine Art der Bezahlung für Zugang zu deren Investment-Analysen. Dieses Arrangement hat Kritikern zufolge dazu geführt, dass zu viele Analysten zu viele schlechte Ratschläge gegeben haben.

Unter den Analysten ist das „gut für die Besten der Besten, und schlecht für den Rest“, sagt Moffett. Eine andere mögliche Konsequenz: Weil die Erträge aus der Analyse mit der Zeit schrumpfen und die Möglichkeiten für junge Analysten, sich zu beweisen, abnehmen, dürfte die Branche wohl nicht mehr derart viele Talente anlocken wie in der Vergangenheit.

Bald weniger Analysten

Weniger Ausgaben für Analysen sowie eine Konsolidierung bei Brokern und Fondsgesellschaften sind wahrscheinliche Nebeneffekte von MiFID II, heisst es in einem Papier aus dem Oktober, das von Bloomberg Intelligence gemeinsam mit Edison Investment Research und Frost Consulting veröffentlicht wurde.

Vermögensverwalter in Europa und den USA könnten in Erwartung der neuen Regulierung mehr als 300 Mio. Dollar aus Analyse-Budgets streichen. Diesen Schluss legt auch eine Umfrage von Greenwich Associates unter Fondsmanagern nahe.

Analysten mit einem Markennamen – wie etwa Ivy Zelman, Experte für Eigenheimbaufirmen – werden in der Lage sein, zu überleben, während andere Analysten direkt zu Fonds oder Family-Offices gehen könnten, meint Benjamin Quinlan von Quinlan & Associates in einem Interview.

Neue Preismodelle

Angesichts der im Januar 2018 einsetzenden neuen Regeln versuchen die Analyse-Anbieter derzeit, schnellstmöglich neue Preismodelle zu entwickeln. Einige Banken schlagen der Financial Times zufolge bis zu 10 Mio. Dollar pro Jahr für Zugang zu sämtlichen Analysen vor – oder bis zu 10.000 Dollar für ein Telefonat mit einem Top-Analysten. Die Lösung von Macquarie Group Ltd. ist indes ein à-la-Carte-System. Es ermöglicht den Zugang zu Analysten und Telefonaten, bei dem immer nur das zu bezahlen ist, was abgerufen wird.

Bei einer Sache sind sich aber fast alle Seiten sicher: es dürfte in Zukunft weniger Analysten geben.

Moffett etwa prognostiziert, dass ein grosses Unternehmen wie der US-Telekomkonzern Verizon Communications in Zukunft nur noch von zehn bis zwölf Analysten abgedeckt werden könnte. Das wären deutlich weniger als die 39 Analysten, die sich laut Bloomberg-Daten derzeit um Verizon kümmern.

Ein anderes Opfer könnten die kleineren und mittelgrossen Unternehmen sein. Bei ihnen besteht die Gefahr, dass sie von den Analysten, die noch übrig bleiben, kaum mehr beachtet werden.

(Bloomberg)