Neuer Terror in Frankreich - Mehr als 80 Tote

(Zusammenfassung)
15.07.2016 18:32

NIZZA (awp international) - Immer wieder Terror in Frankreich: Zum dritten Mal innerhalb von anderthalb Jahren wird das Land von einem brutalen Anschlag erschüttert. In Nizza raste ein 31-jähriger Mann am 14. Juli - dem Nationalfeiertag - mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge und riss mindestens 84 Kinder, Frauen und Männer in den Tod. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt. 52 schwebten am Freitag noch in Lebensgefahr. Das Auswärtige Amt geht auch von deutschen Todesopfern aus. Befürchtet wird, dass eine Lehrerin und zwei Schülerinnen aus Berlin ums Leben kamen.

Bei dem Täter handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft um einen Tunesier namens Mohamed Lahouaiej-Bouhlel, der seit vielen Jahren in Nizza lebte. Der Mann war bislang nur als Kleinkrimineller aufgefallen. Den Geheimdiensten sei er "völlig unbekannt" gewesen, sagte Staatsanwalt François Molins. Anfangs hatte es geheissen, der Mann habe auch die französische Nationalität.

Ein Bekennerschreiben gab es zunächst nicht. Nach Einschätzung des Staatsanwalts deutet aber viel darauf hin, dass der Mann von Mordaufrufen islamistischer Gruppen inspiriert war. Molins sprach von einer "neuen terroristischen Barbarei". Unter den Toten sind auch mindestens zehn Kinder und Jugendliche.

Der Täter - selbst Vater von drei Kindern - hatte am Donnerstagabend gegen 22.45 Uhr mit einem angemieteten Lastwagen die Absperrungen auf dem Strand-Boulevard Promenade des Anglais durchbrochen. Dort feierten gerade 30 000 Menschen den Nationalfeiertag. Der Täter wurde erst nach zwei Kilometern Fahrt von der Polizei erschossen. Zuvor hatte er mit einer Pistole noch mehrere Schüsse auf Polizisten abgegeben.

Für Frankreich bedeutet der Anschlag - nur wenige Tage nach dem Ende der Fussball-Europameisterschaft - einen neuen Schock. Staatspräsident François Hollande mahnte bei einem Besuch am Tatort, der Terrorismus sei noch lange nicht besiegt. "Wir müssen alles tun, um die Geissel des Terrorismus zu bekämpfen." Der Ausnahmezustand, der in Frankreich seit den Pariser Anschlägen vom November gilt, wird nun nochmals um drei Monate verlängert.

Unklar war zunächst, ob auch dieses Attentat einen islamistischen Hintergrund hat. Die Staatsanwaltschaft leitete Untersuchungen wegen "Mordes und versuchten Mordes in Zusammenhang mit Terrorismus" ein. Nach Auskunft von Nachbarn war der Mann zwar Muslim, galt aber nicht als gläubig. Im März war er wegen einer gewaltsamen Auseinandersetzung nach einem Verkehrsunfall zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden. Ausserdem soll der geschiedene Mann wegen Gewalt in der Ehe auffällig geworden sein.

Das Attentat löste weltweit Entsetzen aus. Aus vielen Dutzend Ländern kamen Solidaritätsbekundungen mit Frankreich. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) appellierte, über alle Grenzen hinweg im Engagement gegen "blinden Fanatismus" zusammenzustehen. US-Präsident Barack Obama sagte: "Wir stehen in Solidarität und Partnerschaft an der Seite Frankreichs, unseres ältesten Alliierten." Russlands Präsident Wladimir Putin mahnte: "Wir können den Terrorismus nur mit vereinten Kräften besiegen."

Als der Attentäter sein blutiges Werk begann, ging in Nizza gerade ein Feuerwerk zu Ende, wie dies zum 14. Juli in französischen Städten üblich ist. Auf der Promenade des Anglais, die für den Autoverkehr gesperrt war, sollen zu diesem Moment etwa 30 000 Menschen unterwegs gewesen sein. Auf einem Video ist ein weisser Lastwagen zu sehen, der trotz Absperrungen auf der Strasse fährt - zunächst langsam nur, dann aber durchstartet.

Der Täter überrollte mit einem Kühlwagen - ein 19-Tonner, der angemietet war - mehrere Dutzend Menschen. Nach Augenzeugenberichten fuhr er Zick-Zack, um möglichst viele Passanten zu töten. Erst nach zwei Kilometern konnte er gestoppt werden. Die Polizei tötete ihn mit mehreren gezielten Schüssen. Seine Ex-Frau wurde in Polizeigewahrsam genommen. Im Lastwagen, der am Freitag abgeschleppt wurde, wurden auch Attrappen von zwei Gewehren sowie eine nicht funktionsfähige Granate gefunden.

Unter den Opfern sind mehrere Ausländer. Am Freitagabend wurden auch zwei Schülerinnen und eine Lehrerin der Paula-Fürst-Schule in Berlin-Charlottenburg vermisst. Sie waren in Nizza auf Klassenfahrt. Berlins Regierender Bürgermeister Michel Müller (SPD) sagte: "Wir müssen leider auch davon ausgehen, dass Berliner unter den Opfern sind." Im Auswärtigen Amt hiess es am Abend, möglicherweise werde es noch längere Zeit dauern, bis über das Schicksal der vermissten Deutschen Klarheit besteht. Bestätigt wurde zunächst lediglich, dass eine Bundesbürgerin verletzt worden ist.

In Frankreich gilt bis Montag Staatstrauer. Premierminister Manuel Valls sagte: "Wir stehen einem Krieg gegenüber, den der Terrorismus gegen uns führt. Frankreich wird mit dem Terrorismus leben müssen, und wir müssen uns zusammenschliessen." Hollande und Valls waren am Nachmittag zusammen in Nizza, um sich vor Ort zu informieren.

Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen an den Grenzen zu Frankreich. Das Auswärtige Amt riet, den Anweisungen der französischen Sicherheitskräfte Folge zu leisten und sich zur Lageentwicklung über die Medien zu informieren.

Frankreich war zuletzt wiederholt Ziel von Anschlägen. Bei islamistisch motivierten Attentaten waren im vergangenen Jahr 149 Menschen getötet worden, davon 130 bei der Pariser Terrorserie am 13. November. Im Januar 2015 starben 19 Menschen bei Angriffen auf die Satirezeitschrift "Charlie-Hebdo" und einen Supermarkt.

Während der Fussball-EM, die am Sonntag zu Ende gegangen war, hatten strenge Sicherheitsvorkehrungen gegolten. Entgegen der Befürchtungen gab es dann aber keinen grössen Anschlag. Allerdings tötete ein Mann, der sich zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte, nahe Paris einen Polizisten und dessen Partnerin./cs/DP/enl

(AWP)