Kolumne

Neues Jahr in China - Zwei Ratten und drei Mäuse

Als Anleger und Investor noch einmal Schwein, sehr viel Schwein gehabt. Alles ging (fast) gut. Das turbulente Jahr des Erdschweins ging zu Ende und wurde eben vom Jahr der Metallratte abgelöst. Rosige Aussichten.
02.02.2020 15:04
Peter Achten, Asienkorrespondent
Zwei Ratten und drei Mäuse

Das Jahr der kleinen Metall-Rattenmaus hat denkbar schlecht begonnen. Chinesinnen und Chinesen begrüssten am 25. Januar das neue Jahr mit Schutzmasken. Wieder einmal hat ein Virus zugeschlagen.

Doch ungleich 2003 beim Ausbruch von Sars – dem akuten schweren Atemnot-Syndrom – haben Chinas Partei und Regierung alles im Griff. Mehr oder weniger jedenfalls.

Auf den Ausbruch des Corona-Virus reagierten die Börsen, in China wie international, nervös. Und erholten sich wohl im Zeichen der Metall-Ratte alsogleich. Die Börsen reagieren ähnlich wie die Medien auf das Virus, nämlich irrational und Panik schürend.

Verachtet, gehasst

Doch ein Blick auf das neue chinesische Tierkreiszeichen bringt Entspannung. Nach der chinesischen Deutung des Lunisolar-Kalenders – im Westen auch als chinesische Astrologie bezeichnet – steht das Jahr der Metall-Rattenmaus im Zeichen von Innovation und Aufbruch und verspricht zudem, ein Jahr des Neuanfangs und der Liebe zu werden.

In der chinesischen Kultur steht die Ratte auch für Wohlhabenheit, Reichtum, Vitalität, Unternehmergeist sowie Optimismus. Der Erfinder dieser Kalenderdeutung soll nach der Legende der mythische Gelbe Kaiser Huangdi im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung gewesen sein.

Im abendländischen Kulturkreis freilich sind Mäuse und Ratten verabscheut, verachtet und gehasst. Sie werden verfolgt, wo immer es geht. Das ist schwierig, denn es gibt weit mehr Ratten und Mäuse auf der Erde als die bislang über 7,5 Milliarden Menschen.

Ratten gelten – nachgewiesenermassen, muss man hinzufügen – als Verbreiter von Krankheiten. Der Schwarze Tod, die Pest in der Mitte des 14. Jahrhunderts nahm ihren Ausgang an der heutigen Chinesisch-burmesischen Grenze und verbreitete sich innerhalb weniger Jahre in Windeseile über den eurasischen Kontinent bis nach Westeuropa. Dabei verloren zig-Millionen Menschen ihr Leben. Ratten und Mäuse werden wegen ihrer Gefrässigkeit auch für Hungersnöte verantwortlich gemacht.

Innovativ und ehrgeizig

Im Gegensatz zur okzidentalen Rattenmaus-Verachtung wird im orientalischen Kulturkreis trotz der schädlichen Auswirkungen die kleine Rattenmaus positiv gewertet. Im chinesischen Kulturkreis – zu dem etwa auch Korea, die Mongolei und Vietnam sowie bis Ende des 19. Jahrhunderts auch Japan gehörten – gilt das Tierchen als innovativ, kreativ, clever, geistreich, angriffslustig, ehrgeizig, anpassungsfähig, hart arbeitend, entschlossen, gewinnbringend.

Folglich sind die im Metallrattenjahr geborene Menschen selbstbewusst, schlau, intelligent, optimistisch; sie gelten als Schnelldenker und Perfektionisten. Zu diesen Ratte-Menschen gehören etwa Papst Franziskus oder Churchill, Prinz Harry oder Nordkoreas Präsident in alle Ewigkeit Kim Il-song, der berühmte Tang-Poet Du Fu, die US-Präsidenten Jimmy Carter oder George Washington oder auch Mozart, Shakespeare, Marlon Brando oder Mark Zuckerberg.

Das Chinesische Neujahr, auch Frühlingsfest (Chunjie) genannt, beginnt nach dem Lunisolar-Kalender mit dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende. Nach dem im Abendland geltenden Gregorianischen Kalender liegen diese Neumonde zwischen dem 21. Januar und 21. Februar. Im Jahre 2020 wird das der 25. Januar sein.

Kein Katzen-Jahr

Der Legende nach hat entweder Buddha oder der legendäre Jade-Kaiser Yu Di 13 Tiere aufgefordert, sich zu versammeln, nämlich Ratte (Maus), Büffel (Ochse), Tiger, Hase, Drache, Schlange, Pferd, Ziege, Affe, Hahn, Hund, Schwein und Katze. Nach der einen Legende soll die Maus auf dem Weg beim Ueberqueren eines Flusses auf den Rücken eines Ochsen gesprungen sein und die Katze ins Wasser gestossen haben.

Nach der andern Legende soll die clevere Maus der Katze ein falsches Datum der Zusammenkunft angegeben haben. Die Katze jedenfalls verpasste die Zusammenkunft. So wurden nur den zwölf anwesenden Tieren je ein Regierungsjahr zugeordnet. Ein Katzenjahr gibt es nicht.

Zwölf-Jahres-Zeitkreis

Jeder Zwölf-Jahres-Zeitkreis beginnt mit einem Jahr der Rattenmaus, weil das listige Mäuschen als erstes an der Zusammenkunft eintraf. Zusätzlich wird für jedes Jahr ein Element aus der Fünf-Elementen-Lehre mit Holz, Feuer, Wasser, Metall und Erde hinzugefügt und wird so zu einem 60-Jahre-Zeitkreis.

Das Neujahrsfest wird im chinesischen Kulturkreis je nach Region und Land unterschiedlich gefeiert. Ueber die Jahrhunderte haben sich etwa bei Auslandchinesen in Singapur, Malaysia, den Philippinen, Indonesien oder Thailand eigene Traditionen entwickelt.

Dasselbe gilt für Hong Kong wegen seiner 155 Jahre unter britischer Kolonialherrschaft. Auch in  Regionen in China selbst gibt es grosse Unterschiede. Ueberall jedoch sind Feuerwerk, Trommeln, Gongs, tanzende Löwen und Drachen, Tempelfeste und reichlich Blumen involviert. In Tibet gar wird das Frühlingsfest meist einen Neumond später als im restlichen China gefeiert.

Clan- und Familienfest

Das Neujahrsfest ist überall in diesem Kulturkreis jedoch ein Clan- und Familienfest. Das Fest par excellence im Jahr. Deshalb findet in und um China jedes Jahr eine Massenmigration statt. Dieser Feiertags-Rush (Chunyun) findet dieses Jahr zwischen dem 10. Januar und 18. Februar statt. Von überall her strömen Wanderarbeiter, Studenten, Angestellt, kurz alle zu ihren Familien und Clans nach Hause.

Nach offiziellen Statistiken werden so im laufenden Chunyun 2,43 Milliarden Reisen auf der Strasse, 440 Millionen mit der Eisenbahn und 17 Millionen mit dem Flugzeug unternommen. 14 Tage nach Neujahrbeginn endet die Festperiode mit dem Laternenfest. Das Corona-Virus aber hat das Fest nachhaltig beeinflusst und unterbrochen.

Vielleicht wird das Chinesische Frühlingsfest im Zuge der Globalisierung bald weltweit gefeiert. Aehnlich wie die christlichen Weihnachten. Es wäre zu wünschen. In unserer globalisierten Welt nämlich werden lokale, regionale oder länderübergreifende Bräuche und Feste immer wichtiger.

Von China lernen

Für Ihren Korrespondenten als Heimweh-Basler zum Beispiel Vogel Gryff oder Basler Fasnacht, für einen romanisch- oder italienischsprachigen Bündner Chalandamarz oder einen Afrikaner oder Lateinamerikaner dieses oder jenes Fest. Und für Chinesinnen und Chinesen eben Chunjie, ob in China oder der Diaspora.

Diese Feierlichkeiten dienen als dringend notwendige kulturelle Brücken. Europa hat in den letzten 500 Jahren Wissenschaft, Aufklärung und die Industrielle Revolution hervorgebracht. China hat mit Marxismus, Technologie und Kapitalismus viel vom Westen gelernt. Doch der abendländische Kulturkreis hat bislang zu wenig, viel zu wenig von China gelernt und denkt noch immer, alleinigen Anspruch auf "universelle Werte" zu haben.

Kulturelles Missverständnis

Schon einmal ist das Verhältnis von Ost und West wegen mangelnder kultureller Brücken zerbrochen. Der Berühmte Kaiser Qianlong der letzten chinesischen Qing-Dynastie beschied am Ende des 18. Jahrhunderts – China war damals dem Westen wirtschaftlich noch weit überlegen – dem englischen Abgesandten Macarthney, China brauche nichts, habe alles selbst und lehne deshalb Freihandel mit dem fernen britischen Reich ab.

Die Geschenke des britischen Königs George III. interpretierte Qianlong fälschlicherweise als Tribut, also als  Unterordnung unter die Souzeränität der überlegenen chinesischen Kultur. Die Briten wiederum konnten mangels kultureller Brücken die Haltung des chinesischen Reiches nicht interpretieren. Die Folge: Angriff der wegen der Industriellen Revolution wirtschaftlich und vor allem militärisch erstarkten Briten auf Hongkong, Annektierung des Hafens und der den Chinesen 1842 aufgezwungene Vertrag von Nanking.

Es folgten Kolonialismus und Imperialismus, welche für China in ein Zeitalter "ungleicher Verträge" und "hundert Jahre der Schande" mündete.

Xinnian Kuaile!

Das Chinesische Neujahr, das Frühlingsfest könnte geradezu als Anfang einer idealen kulturellen Brückenfunktion dienen. Da auch kulturell vieles beim Essen beginnt, hier noch ein Menü-Vorschlag chinesischer Kalenderdeuter für Bankette im Rattenjahr: möglichst viele Käse und viele Nüsse, denn das lieben unsere lieben Rättchen und Mäuschen.

Für Börsianer und Anleger empfiehlt sich gegen negative Einflüsse überdies ein rotes Seidenarmband sowie ein schönes Stück Jade. Die Zahlen 5 und 9 – allein und in jeder Kombination – sollte nach den Lunarsolar-Kalenderdeutern möglichst vermieden werden. Dagegen sind die 2 und die 3 – wiederum in jeder Kombination – die absoluten Glückszahlen.

Ihr Korrespondent ist im Übrigen (leider) keine kleine Rattenmaus sondern ein Hase. Immerhin gilt dieser Hase als gutmütig und besonnen. Und blitzgescheit. In diesem Sinne wünscht Ihr Korrespondent allen klugen cash.ch-Lesern und alerten cash.ch-Leserinnen ein gutes Rattenmause-Jahr.

Xinnian Kuaile! Kung Hay Fat Choy!!

 

Peter Achten

Peter Achten ist einer der bekanntesten Schweizer Auslandskorrepondenten. Ab 1986 war Achten jahrelanger Asien-Korrespondent für den Tages-Anzeiger und das Schweizer Fernsehen (SF), dazwischen war er vier Jahre SF-Korrespondent in Washington. Nach Aufenthalten in Hongkong und Vietnam lebt Achten wieder in Peking und berichtet als freier Mitarbeiter für diverse Schweizer Medien über das Geschehen in Asien.