Nimmt Saudi-Staatsfonds Schweiz ins Visier?

Wenn das ölreiche Saudi-Arabien seinen Staatsfonds-Plänen Taten folgen lässt, entsteht eines der weltgrössten Anlagevehikel. Das Herrscherhaus müsste aber Reformen zulassen, um als Grossinvestor aufzutreten zu können.
02.06.2016 14:26
Von Marc Forster

Die Zahlen sind gewaltig: Im April sprach der Saudi-Prinz Mohammed bin Salman, Verteidigungsminister und im weitverzweigten Saudi-Königshaus offiziell Vize-Kronprinz, eine massive Aufstockung des Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) an. Mit zwei Billionen Dollar Volumen liesse sich das Vehikel ausstatten, womit Saudi-Arabien den bisher grössten Staatsfonds, das 850 Milliarden Dollar schwere Vorsorge-Konstrukt Norwegens, bei weitem überträfe.

Mit zwei Billionen Dollar könnte man theoretisch die vier grössten börsenkotierten Firmen der Welt aufkaufen, oder den gesamten SMI. Soeben hat der Saudi-Staatsfonds bekannt gegeben, dass er sich mit 3,5 Milliarden Dollar an der letzten Finanzierungsrunde des Fahrdienstes Uber beteiligen wird.

Saudi Arabia's Uber investmentbringsthestart-up's war chesttomorethan$11bn https://t.co/3yS5sjOFLp pic.twitter.com/iRGR7Q9QWK

— Financial Times (@FT) June 1, 2016

Die Saudi-Pläne wecken Assoziationen mit Katar, dem kleinen Golfemirat und Nachbarn Saudi-Arabiens. Die von der Emirsfamilie 2005 eingerichtete und kontrollierte Qatar Investment Authority (QIA) und deren Tochterorganisationen treten weltweit als Grossinvestor auf. Qatar hält unter anderem Anteile an den Grossbanken Credit Suisse, Barclays und Deutschen Bank, aber auch an Volkswagen, Glencore und mehreren französischen Multis. Mit dem Londoner Luxuswarenhaus Harrods und dem Pariser Fussballclub St. Germain angelten sich die Qatari prestigeträchtige Namen.

Sehr interessiert ist die QIA, die in den Jahren mit hohem Ölpreis rund 50 Milliarden Dollar im Jahr anlegen konnte, zudem an teuren Immobilien in Weltstädten. Das Land, das wie seine reichen Nachbarländer hauptsächlich von Öleinnahmen lebt, will sich mit Milliarden-Investments absichern für die Zeit, in der das Schwarze Gold nicht mehr so üppig fliesst wie heute. Saudi-Arabien ist diesbezüglich prinzipiell in der gleichen Lage wie Katar, Kuwait oder die Emirate Abu Dhabi und Dubai.

Hintergrund ist Aramco-IPO

Hintergrund des Staatsfondspläne in Riyadh ist der geplante Börsengang des staatlichen Ölgiganten Saudi Aramco - der zweite Teil des Namens leitet sich von der 1944 gegründeten Arabian-American Oil Company ab. Der Rohstoffförderer wird auf 2 Billionen Dollar Marktwert geschätzt und würde mit einem going public für den grössten Börsengang der Geschichte sorgen. Mehr als 5 Prozent der Aktien wollen die Saudis aber nicht zum Handel an den Kapitalmärkten freigeben.

Dieser Plan offenbart allerdings, dass Saudi-Arabien eine andere Vorgehenweise wählen will als Katar. Die Grösse des Staatsfonds wäre somit in erster Linie bedingt durch den Besitz von 95 Prozent der Saudi-Aramco-Anteile. Dies wäre aber nur ein Übertrag von bereits staatlichen Besitz in den staatlichen Anlagefonds. Nur der Verkauf der angesprochen 5 Prozent der Aktien brächte dem Fonds flüssige Mittel.

"Aus dem Börsengang von Saudi Aramco könnten nur rund 100 Milliarden Dollar in den Staatsfonds einfliessen"; sagt Risikomanager Sven Behrendt von der Genfer Beratungsfirma Geopolitica. "Daneben könnte die Regierung weitere 250 Milliarden Dollar aus anderen regierungsnahen Fonds verwenden. Dieser Staatsfonds hätte dann eine gewisse Grösse, aber nicht die 2 Billionen Dollar, von denen zum Teil gesprochen wurde."

Verschlossenes Wüsten-Königreich

Um mehr investieren zu können, müsste der Fonds Anteile am Ölgiganten verkaufen. Die Bereitschaft dazu ist aber auch eine Mentalitätsfrage: In Saudi-Arabien, einer absoluten, mit repressiven Methoden aufrechterhaltenen Monarchie mit konservativ-islamischer Staatsgrundlage, dreht sich alles um Macht und Kontrolle. Gleichzeitig steigt aber der Druck, das Land wirtschaftlich zu öffnen und die Abhängigkeit vom Öl zu verringern, das heute 80 Prozent der Einnahmen generiert. Die Staatskassen sind nicht mehr so voll, wie sie einmal gewesen sind, und unter einer wachsenden Bevölkerung steigt die Armut.

Der 30-jährige Prinz Mohammed bin Salman, würde er seinem 90-jährigen Vater König Salman auf den Thron folgen, wäre der erste Herrscher, der kein Sohn des Staatsgründer Abd al-Asis Ibn Saud ist. Mit ihm würde sich das Regime sichtbar verjüngen.

Als Verteidigungsminister besetzt er schon heute eine Schlüsselposition im geheimnisumwitterten Machtgefüge der Monarchie. Wie weit sein Einfluss in der Wirtschaftspolitik ist, wird sich zeigen. Die Öffnung der Wirtschaft ist in der Regimeelite umstritten, auch deswegen, weil sie mehr Transparenz erfordert. Prinz Mohammed bin Salman umschrieb seine wirtschaftlichen Vorstellungen in der "Vision 2030", und von ihm stammt der Satz: "Es wird in keiner Region der Welt Investitionen, Vorgänge oder Entwicklungen geben, ohne das der saudi-arabische Staatsfonds eine Mitsprache hat."

Keine «Leuchtturm»-Investments wie Katar

Trotz des Uber-Anstiegs glauben Experten aber, dass Saudi-Arabien nicht mit grossen Risiken investieren wird - oder sollte. Risikomanager Behrendt von Geopolitica glaubt, dass Saudi-Arabien in fünf Jahren als diversifizierter Portfolio-Investor auftreten wird: "Dies wäre der professionelle Weg. Auch Katar ist von der Strategie der 'Leuchtturm-' oder Prestige-Investitionen weggekommen und diversifiziert seit rund 18 Monaten die Anlagen verstärkt."

Auch Anlagespezialist Kinan Khadam-Al-Jame, der für die Schweizer Privatbank Reyl in Dubai tätig ist, sagt: "Die Saudis haben einen niedrigen Risiko-Appetit." Der Staatsfonds werde ein striktes Risikomanagement betreiben und Fehler der Qatari vermeiden wollen. Weder mit VW, noch der Deutschen Bank, noch der Credit Suisse und auch nicht mit Glencore hatte die QIA angesichts fallender Börsenkurse Glück gehabt.

Schweiz bietet Stabilität

Der massenhafte Einkauf bei Grosskonzernen steht für die Saudis demnach nicht an vorderster Stelle, sondern ein abgewogeneres Anlegen in vielen Bereichen. Die Schweiz dürfte in Riyadh aber durchaus Interesse wecken, wie Reyl-Banker Kadham-Al-Jame sagt: "Die Schweiz bietet politische Stabilität, Immobilien-Renditen von rund vier Prozent und grosse Healthcare-Unternehmen mit um die drei Prozent Dividendenrendite."

Statt Credit Suisse wird sich der Saudi-Fonds demnach eher in Richtung der defensiven Investments Roche, Novartis oder Nestlé bewegen. Der zum Dollar relativ unterbewerte Franken sei ebenfalls ein Anreiz. Saudi-Arabien ist auch interessiert, über seine Beteiligungen und Kooperationen einen gewissen Wissenstransfers für die eigene Wirtschaft zu erreichen. 

Inwieweit Saudi-Arabien als Investor an Einfluss gewinnt, hängt auch von der Entwicklung des Königreichs selber ab. Auf der einen Seite stehen Reformen und wirtschaftliche Öffnung, auf der anderen die Gefahr von sozialen Spannungen oder gar eines Krieges im Nahen Osten. Erst Anfang dieses Jahres haben Saudi-Arabien und die andere regionale Grossmacht Iran noch heftig gegeneinander mit den Säbeln gerasselt.