Nobelpreisträger Angus Deaton - «Zwischen den USA und China kann es gefährlich werden»

Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton erklärt im cash-Interview, weshalb er einen Handelskrieg zwischen den USA und China für wahrscheinlich hält - und warum es in den USA zu sozialen Unruhen kommen könnte.
25.01.2017 07:49
Interview: Daniel Hügli, Davos
Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton.
Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton.
Bild: Screenshot Youtube

Sir Angus Stewart Deaton (*1945) ist bri­tisch-ame­ri­ka­ni­scher Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler und lehrt seit 1983 an der Prin­ce­ton University. Deaton, gebürtiger Schotte, befasst sich mit Fra­gen zur Gesundheits- und Entwicklungsökonomie. Er erhielt 2015 für seine Forschungen zu Konsum, Wohlstand und Armut den Wirtschaftsnobelpreis. cash.ch traf Angus Deaton Ende letzter Woche am WEF in Davos. 

cash: Herr Deaton, Sie sind relativ relaxed, was die möglichen Auswirkungen von Donald Trumps Politik auf die US-Wirtschaft betrifft. Warum?

Angus Deaton: Wir tendieren generell dazu, den Einfluss einer Regierung auf die Wirtschaft zu überschätzen, speziell auf kurzfristige Sicht. Der US-Wirtschaft geht es momentan ziemlich gut, und das wird vorderhand wahrscheinlich auch so bleiben. Donald Trump wird diese Ausgangslage nutzen und den guten Zustand der Wirtschaft als seinen Verdienst darstellen. Es könnte also durchaus passieren, dass die Wirtschaftspolitik Trumps in vier Jahren als grosser Erfolg wahrgenommen wird, obwohl er bis dann Massnahmen ergriffen haben wird, die viele Leute nicht mögen.

Wie beurteilen Sie die von Trump geplante Abschaffung von Obamacare, der Krankenversicherung, die von Barack Obama eingeführt wurde?

Das Gesundheitssystem wird wohl eine Ausnahme bilden, wie Trumps Politik die Wirtschaft verändern kann. Die nächsten paar Monate werden in Washington aus wirtschaftspolitischer Sicht wohl die interessantesten überhaupt sein. Ich würde mich auf diese faszinierende Zeit sogar freuen, wenn nicht so viele Leute von möglichen Veränderungen betroffen wären. Es kann alles passieren: Dass 20 Millionen Menschen ihre Versicherung verlieren oder dass alles fast beim Alten bleibt.

Kann es soziale Unruhen geben?

Ja, durchaus. Die Republikaner, die Obamacare immer und immer wieder widerrufen haben, ohne Konsequenzen verantworten zu müssen, haben nun grosse Angst vor den möglichen Folgen einer Abschaffung.

Ein Wachstum von vier Prozent für die US-Wirtschaft, viele neue Jobs: Was halten Sie von den Versprechen Trumps?

Nun, er hat den Bau einer Mauer zu Mexiko versprochen, er hat versprochen, alle Muslime heimzuschicken. Er hat viele unverschämte Dinge versprochen.

Sind die Wachtumsaussichten realistisch?

Es wäre ja fantastisch, wenn jemand langfristig eine Volkswirtschaft um 4 Prozent zu steigern wüsste. Klar, China hat ein solches Wachstum, aber dies kann man nicht mit entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland, der Schweiz oder USA vergleichen. China holt wirtschaftlich auf.

Im Wahlkampf wetterte Trump über Wall Street, nun holte er einen Goldman-Sachs-Banker nach dem anderen in sein Team. Was denken die Leute darüber, die ihn gewählt haben?

Schauen Sie, die Trump-Wähler sind wirklich verärgert. Sie finden, dass ihre Stimme zu wenig gehört wird. Das sind keine Menschen wie wir, die jeden Tag Finanznachrichten lesen. Wenn diese Leute Hillary Clinton als mögliche Weiterführung sehen, sagen sie sich: Das wollen wir nicht. Ich glaube nicht, dass sie Trump wählten, weil er ein Rassist oder Frauenhasser wäre. Sie wählten ihn trotz dieser Dinge.

Die Börsen sind lange Zeit nach der Trump-Wahl gestiegen. Wie beurteilen Sie die weitere Entwicklung der Aktienmärkte?

Die Börsen haben sich in jüngster Zeit wieder etwas beruhigt. Die Märkte reagierten bei der Trump-Wahl ja kurze Zeit zunächst negativ, dann stiegen sie lange Zeit. Solche Schwenker sind in Zukunft durchaus wieder möglich.

Sind die Märkte zu steil angestiegen seit der Trump-Wahl?

Das ist schwierig zu sagen. Wir haben bislang sehr wenig Informationen, um das beurteilen zu können. Logisch reagieren die Märkte positiv, wenn Trump Deregulierung oder Steuererleichterung verspricht. Das wäre gut für die Unternehmensgewinne. Wir müssen aber berücksichtigen, dass Trump seine Vorhaben nicht so einfach umsetzen kann. Die Opposition wird gross sein, und es herrscht in vielen Punkten keine grosse Einigkeit in seiner Partei. Gerade bei den geplanten öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur muss Trump mit Widerstand aus den eigenen Reihen rechnen. Es ist also alles möglich an den Märkten.

Wie beurteilen Sie die aussenpolitischen Pläne Trumps?

In der Regierung mangelt es diesbezüglich an erfahrenen Leuten. Die Anfälligkeit für Fehler steigt dadurch. Aber auch in China selber kann es durchaus zu Veränderungen kommen. Wenn das Wirtschaftswachstum zum Beispiel plötzlich null wäre oder negativ. Das könnte dann wirklich sehr gefährlich werden.

Trump hat China mit Importzöllen gedroht, was zu Handelskriegen führen könnte. Wie wahrscheinlich ist das?

Das halte ich für völlig wahrscheinlich. Offenbar kann Trump diese Zölle relativ einfach implementieren, ohne grosse innenpolitische Hürden nehmen zu müssen. Er kann dann sagen: Schaut, ich habe geliefert, was ich im Wahlkampf versprochen hatte. Die Reaktion der Chinesen wird dann aber nicht ausbleiben.

Das würde das Wachstum der Weltwirtschaft beeinträchtigen…

Klar. Es würde alle treffen. Diese Art von Politik ist für niemanden gut. Sie hilft schon gar nicht denjenigen Leuten, von denen Trump meint, er könne sie mit dieser Art Politik unterstützen. Aber es sieht dann zumindest so aus, als würde seine Politik helfen. Und das will er ja erreichen. Zwischen den USA und China kann es gefährlich werden.

Wie erklären Sie sich Trumps Schmusekurs zum russischen Präsidenten Vladimir Putin?

Das ist mir ein Rätsel. Dazu gibt es ja allerhand von Theorien, etwa dass Trump von Putin manipuliert werden kann.