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Nobelpreisträger Spence: «Politiker ignorieren Anliegen der Bevölkerung»

Nobelpreisträger Michael Spence analysiert im cash-Interview das Phänomen Trump und meint, dass die Präsidentschaft besser als erwartet ausfallen könnte. Er sieht Aktien überbewertet - und Notenbanken in einer Sackgasse.
23.11.2016 23:05
Interview: Pascal Züger, Lugano
Michael Spence ist Wirtschaftsprofessor in New York und Nobelpreisträger.
Michael Spence ist Wirtschaftsprofessor in New York und Nobelpreisträger.
Bild: Bloomberg

Der renommierte Ökonom Michael Spence gewann 2001 den Wirtschaftsnpbelpreis und besitzt sowohl den kanadischen und US-amerikanischen Pass. Er fokussiert sich auf die Informationsökonomie, den Einfluss von Leadership auf das Wirtschaftswachstum und die Wirtschaftspolitik in den Schwellenländern. Politisch bezeichnet er sich als "gemässigten Demokraten". Spence war in der Vergangenheit auch an Projekten der chinesischen Regierung beteiligt.

Im Interview mit cash.ch am Rande des Lugano Fund Forum Anfang dieser Woche spricht Spence über die Gründe für den zunehmenden Protektionismus, über die möglichen Auswirkungen der Regierung von Donald Trump auf Wirtschaft, Handel und Finanzmärkte, die massiven Probleme der Geldpolitik der Notenbanken und über die zukünftigen Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft.

cash: Herr Spence, Grossbritannien entschied sich für den Brexit und Donald Trump wurde als neuer Präsident der USA gewählt. Werden Volkswirtschaften künftig protektionistischer agieren?

Michael Spence: Das ist sicher möglich. Meiner Meinung nach signalisieren diese Ereignisse aber eine andere wichtige Entwicklung. Die Politiker ignorieren die Anliegen der Bevölkerung. Wir beobachten einen zunehmende Unzufriedenheit der Menschen darüber, dass die Kontrolle über ihr Leben verloren geht. Das kommt daher, weil die Entwicklung von Brüssel, von der Globalisierung oder von technologischen Kräften diktiert wird. Die Menschen fühlen sich hilflos, verängstigt und schlecht behandelt. Sie wehren sich gegen diesen Zustand. Eine Folge davon ist ein Aufkommen von nationalistischen Populisten in verschiedenen Ländern Europas.

In Europa haben wir im nächsten Jahr Wahlen in Frankreich und Deutschland. Was wird passieren?

Es ist schwierig zu prognostizieren, ob die Anti-Establishment-Bewegungen stark genug sind, um eine Veränderung der Macht herbeizuführen. Aber auch wenn die aktuellen Entscheidungsträger wiedergewählt werden sollten, bedeutet das nicht, dass diese Bewegungen plötzlich verschwinden. Sie werden weiterhin Druck auf die Politik ausüben. Letztenendes wird es wohl eine Neukonstruktion der institutionellen Einrichtungen geben. Die Strukturen werden zunehmend dezentralisiert. Weil die jetzige Regierungsform für viele Leute einfach nicht funktioniert. Diese Entwicklung wird zwar nicht über Nacht stattfinden, aber sie wurde nun angestossen.

Was bedeutet dies für das globale Wirtschaftswachstum?

Kurzfristig wird das globale Wachstum weiter niedriger sein, als es eigentlich sein sollte. Dann stellt sich zusätzlich die Frage, ob das Ganze mit einem zunehmenden Risiko eines Crashes oder einer neuen Krise einhergehen wird. Eine Frage, die schwierig zu beantworten ist und von vielen unterschiedlich eingeschätzt wird.

In westlichen Ländern und speziell in den USA ist die zunehmende Ungleichheit ein grosses Problem. Wenn Donald Trump Sie um Rat fragen würde, um die Ungleichheit unter Kontrolle zu bekommen und die Wirtschaft gedeihen zu lassen. Was würden Sie ihm sagen?

Ich würde ihm sagen, dass fiskalpolitische Massnahmen Sinn machten, die Details dazu aber entscheidend sind. Trump sollte die traditionelle Ablehnung der rechten Seite gegenüber Staatsausgaben überdenken. Staatliche Eingriffe könnten zumindest teilweise das Problem der Chancen-Ungleichheit in den USA lösen. Ich würde ihm auch dringend empfehlen, nicht auf den Nutzen des Freihandels zu verzichten. Wenn gewisse Abkommen schlecht sind, darf er diese auch gerne neu verhandeln. Im Interesse der Vereinigten Staaten kann er auch mal hart durchgreifen.

Wird der Freihandel unter Präsident Trump leiden?

Es wird wohl neue Barrieren für den Handel und für Investments geben. Im Extremfall hätte dies negative Konsequenzen für alle. Aber hier müssen wir Ökonomen uns auch an der eigenen Nase nehmen, da wir den Freihandel immer als unantastbar angesehen haben. Ich glaube, dieses Denken ist ein Fehler.

Was wäre denn der richtige Ansatz?

In diesem Gebiet ist vor allem Dani Rodrik ein ausgewiesener Experte (ein türkischer Ökonom und Professor an der Harvard University mit Fokus auf die Mechanismen der Wirtschaftspolitik, Anm. der Redaktion). In einer neuen Publikation kommt er zum Schluss, dass die Verteilungsproblematik in der Politik zu wenig berücksichtigt wird. Und falls es doch ein Thema ist, wird es meist von einer reinen pro-Freihandel-Optik betrachtet. Dabei werden die Bedürfnisse der Gegner des Freihandels ausser Acht gelassen. Eine ausgewogenere Lösung wäre: Wir verfolgen spezielle Interessen, die Gegner des Freihandels verfolgen ebenfalls spezielle Interessen, also finden wir uns irgendwo in der Mitte. Unter Trump besteht die Möglichkeit, dass dieser Weg auch tatsächlich beschritten wird.

Also wird es unter Präsident Donald Trump gar nicht so schlimm wie von vielen befürchtet?

Genau. Es wird nicht so schlimm, wie es seine Präsidentschaftskampagne vermuten lässt. Er wollte ja alle Mexikaner aus den USA werfen. Mittlerweile sind es noch drei Millionen Kriminelle, die er des Landes verweisen will. Aus seiner Forderung einer Grenzmauer, welche Mexiko bezahlen soll, wurden nun ein paar Zäune. Und auch die Besteuerung von 45 Prozent auf chinesische Güter wird er auch kaum umsetzen.

Unmittelbar nach der Trump-Wahl herrschte in gewissen Aktiensektoren wie im Pharma-Bereich oder bei Banken schon fast Euphorie. Wie geht es mit den Finanzmärkten weiter?

Die Marktreaktionen waren meiner Meinung nach grösstenteils verständlich. Das von Trump angekündigte Infrastrukturprogramm verbunden mit Steuersenkungen kann zu fiskalpolitischen Impulsen führen. Mögliche Folgen sind höheres Wachstum, höhere Inflation und höhere Zinsen. Die Märkte reflektieren nun diese Erwartungen. Entscheidend wird aber sein, ob der amerikanische Kongress die Programme durchwinkt. Stellt er sich quer, dann werden auch die Finanzmärkte negativ reagieren. Und wir wären in der US-Politik wieder dort, wo wir schon in den letzten acht Jahren mehr oder weniger waren.

Sie haben in einem Artikel im 'Wall Street Journal' die lockere Geldpolitik der Zentralbanken kritisiert. Weshalb?

Diese Geldpolitik führt zu Fehlallokationen von Kapital. Individuen werden in risikoreichere Anlageklassen getrieben. Sie investieren in Ländern mit höheren Renditen, vor allem in Schwellenländern. Aber mein Hauptkritikpunkt war, dass dies zu einem Investitionsproblem bei Firmen führt. Substantielle Cash-Beträge werden für Aktienrückkäufe verwendet anstatt in neue Anlagen investiert zu werden. So kam es, dass nach der Finanzkrise 2007 die Aktienmärkte florierten, während die Wirtschaft vor sich hin dümpelte. Inzwischen sind jedoch die Aktienmärkte teuer bewertet und haben kaum mehr Aufwärtspotenzial. Es sei denn, es würde plötzlich eine Veränderung in der Wachstumsdynamik geben.

Richten die Zentralbanken mit ihren Massnahmen mehr Schaden an, als dass sie der Wirtschaft einen Nutzen bringen?

Die Notenbanken scheinen in einer Position festzustecken, in der sie die Zinsen tief halten müssen und gleichzeitig die Bilanz weiter aufgebläht bleibt. Tun sie das nicht, dann würden sie der Wirtschaft Schaden anrichten. Das wiederum führt dazu, dass politische Entscheidungsträger nichts tun anstatt wichtige Reformen voranzutreiben. Und auch selbst wenn die durch die Zentralbankpolitik herbeigeführten hohen Anlagepreise gewisse Leute als positiv ansehen, muss ich sagen: Auch dieses Aufwärtspotenzial ist ausgereizt. Die Zentralbanken sitzen in der Falle.

Gibt es einen Ausweg?

Mit ein bisschen politischem Reformwillen gäbe es viele Massnahmen, die helfen könnten. Diese unterscheiden sich jedoch von Land zu Land. Meiner Meinung nach gibt es noch Spielraum bei fiskalpolitischen und strukturellen Massnahmen, welche den grossen Unterschied ausmachen könnten.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Weltwirtschaft in fünf Jahren aus?

Amerika dürfte sich etwas erholen, jedoch mit der lauernden Gefahr eines hohen Schuldenbergs oder einer politischen Dummheit. Europas Weg zurück zum Wachstum dürfte langsamer vonstatten gehen, da das ganze Konstrukt mit vielen Ländern kompliziert ist. Grossbritannien ist schwer einzuschätzen, aber der Staat würde sicherlich besser dastehen, wenn die ganze Brexit-Geschichte nicht gewesen wäre. Aber auch so werden sie ganz okay unterwegs sein und weiterhin ein wichtiges Finanzzentrum bleiben.

Und was erwarten Sie von China, ein Land welches Sie regelmässig besuchen und wo Sie auch schon bei Regierungsprojekten mitgewirkt haben?

China wird sich durchwursteln, aber trotzdem ein ziemlich gutes Wachstum aufweisen. Im Land macht sich aber eine zunehmende Intoleranz gegenüber anderen Meinungen breit. Von aussen betrachtet wirkt China wie eine Einheit. Im Land wurden bis anhin gesunde Debatten geführt, in welcher verschiedene Ansichten toleriert wurden. Das half der Qualität der Meinungsfindung. Inzwischen sind die Chinesen jedoch vorsichtiger geworden, da Staatspräsident Xi Jinping kaum mehr Abweichungen von der Partei-Meinung zulässt. Kurzfristig hat dies noch keine negativen Auswirkungen auf das Wachstum. Langfristig könnte dies aber Chinas System schwächen. Das bereitet mir etwas Sorgen.

Michael Spence erhielt im Jahr 2001 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Forschung zur Rolle der asymmetrischen Information in den Märkten. Er ist Buchautor und war von 2006 bis 2010 Vorsitzender der "Commission on Growth and Development", eine internationalen Organisation, welche die Wachstumsaussichten der Weltwirtschaft evaluiert. Spence unterrichtete in Harvard und Stanford, derzeit ist er Professor an der New York University.