Ökonom Christopher Probyn - «Wir neigen mehr zu Aktien als früher»

Christopher Probyn, Chefökonom des weltweit drittgrössten Vermögensverwalters State Street, äussert sich im cash-Interview zum Einfluss der US-Steuerreform auf die Börsen, zum neuen Fed-Chef und zum Zinskurs der SNB.
28.11.2017 23:31
Interview: Marc Forster
Christopher Probyn,  Chefökonom des US-Vermögensverwalter State Street Global Advisors.
Christopher Probyn, Chefökonom des US-Vermögensverwalter State Street Global Advisors.
Bild: ZVG

Noch immer ist sie ein Streitthema, die von US-Präsident Donald Trump vorgeschlagene Steuerreform in den USA. Der Staatschef will unter anderem die Unternehmenssteuern von aktuell 35 auf 20 Prozent senken. Entscheiden darüber wird aber letztlich der Kongress.

Christopher Probyn, Chefökonom des weltweit drittgrössten Vermögensverwalters State Street Global Advisors, warnt vor überzogenenen Hoffnungen in Bezug auf die Aktienmärkte. Einen positiven Effekt einer Steuerreform für die Märkte sieht er dennoch voraus.

cash: Welche Faktoren werden die Weltwirtschaft 2018 beeinflussen, auf geopolitischer wie auf politischer Ebene?

Christopher Probyn: Wir gehen davon aus, dass es kein Negativereignis wie einen Nuklearkrieg zwischen den USA und Nordkorea oder einen Handelskrieg zwischen den USA und China geben wird. Auch eine umfassende, massive Steuerreform in den USA steht wohl nicht mehr im Raum. Es wird aber wohl Steuersenkungen geben, vor allem für Unternehmen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob die Rate wirklich von 35 komplett bis auf 20 Prozent gesenkt werden wird.

Was erwarten Sie von einer derartigen Steuersenkung?

Sie wird einen zeitlich begrenzten Stimulus auslösen. Die Änderungen werden bei der Besteuerung von Privatpersonen zum Teil 2025 auslaufen, und die Änderungen in der Unternehmensbesteuerung werden keinen transformativen, also umwälzenden Effekt haben. Hingegen wird der vorgeschlagene Wechsel von der weltweiten Besteuerung zur territorialen Besteuerung den Unternehmen einen Anreiz geben, dass sie so viel Einkommen wie möglich im Ausland buchen.

Das weltweite Steuersystem verpflichtet Unternehmen, in den USA Steuern auch auf Gewinne zu entrichten, welche ausserhalb des Landes erwirtschaftet wurden. Im territorialen System dagegen sind die Einkünfte ausländischer Tochtergesellschaften ganz oder teilweise von der Besteuerung im Land des Unternehmenssitzes befreit. Was versprechen sich die USA vom Wechsel?

Die meisten OECD-Länder sind schon zum territorialen Steuerprinzip übergegangen. Die USA hoffen, dass der Wechsel auf dieses System sowohl die Wettbewerbsfähigkeit der US-Unternehmen erhöht und dabei den Anreiz beseitigt, Mittel im Ausland zu halten. Eventuell werden diese Mittel sogar repatriiert und in den USA für Investitionen genutzt.

Werden US-Unternehmen dank Steuererleichterungen mehr in den USA investieren?

Es gibt einen Vorschlag, dass Unternehmen Investitionsausgaben auf fünf Jahre ausdehnen können. Ironischerweise wird in diesem Fall für Investitionsentscheidungen unerheblich sein, wie hoch die Unternehmensteuer ist. Allerdings wird nach diesen fünf Jahren eine tiefere Rate in der Gewinnsteuer einen zusätzlichen Anreiz für Investitionen schaffen.

Was bringt die Steuerreform den Aktienmärkten?

Für Aktien sollte sich dies positiv auswirken. Wir sind untergewichtet bei Anleihen, um Aktien übergewichten zu können. Wir neigen mehr zu Aktien als früher, weil die potentielle Rendite höher ist als bei Unternehmensanleihen. Dies spiegelt sowohl das Potenzial tieferer Unternehmenssteuern als auch den wirtschaftlichen Stimulus. Die US-Wirtschaft dürfte 2018 robust um 2,7 Prozent wachsen.

Wird sich die amerikanische Geldpolitik unter dem neuen Fed-Chef Jerome Powell ändern, wenn er im Februar von Janet Yellen übernimmt?

Jay Powell steht bei der Geldpolitik für Kontinuität. Dagegen steht er wahrscheinlich für einen weicheren Ansatz in der Regulierung, als dieser bisher verfolgt wurde. Es gibt in den USA eine Sicht, wonach die Regulierung für kleinere Banken gelockert werden soll. Für grosse Banken bedeutet Regulierung zwar mehr Kosten und einen grösseren Verwaltungsapparat, aber das ist alles bewältigbar. Für kleine Banken ist die Regulierung hingegen eine deutliche Belastung. Dies wirkt sich natürlich auf die kleine und mittelgrosse Unternehmen aus, die bei kleineren Banken Kredite aufnehmen.

Wie wird sich der Dollar entwickeln?

Der Wahlsieg von Donald Trump vor gut einem Jahr führte zur Erwartung, das dies gut für Aktien und gut für den Dollar sei, aber nicht so gut für Anleihen. Dann zeigten sich die Probleme bei der Umsetzung von Trumps Wahlversprechen. Dabei blieben Aktien dank guter Unternehmensgewinne gefragt, aber die Situation wirkte sich negativ auf Anleihen und den Dollar aus. Mit den Steuerreformplänen wurde der Dollar dann wieder stärker. Die weitere Entwicklung des Dollar ist stark vom Erfolg der Steuerreform-Vorschläge abhängig.

Wird sich der Euro besser entwickeln als der Dollar?

Die Eurozone hat eher unbemerkt drei ziemlich gute Jahre erlebt. Das reale Wachstum lag im Schnitt bei etwa zwei Prozent. 2017 könnte das Wachstum 2,3 Prozent betragen, was das höchste Wachstum seit der Finanzkrise bedeuten würde. Der Binnenkonsum trägt dazu bei, aber die positive Veränderung spiegelt auch das Exportwachstum. Der Euro wird demnach von einer soliden Wirtschaftslage profitieren, während die Schritte der Europäischen Zentralbank wahrscheinlich von der US-Steuerpolitik der nächsten Zeit abhängig sein werden.

In der Schweiz beobachtet man den Kurs Euro-Franken sehr stark. Jüngst gab es Spekulationen, bei einem deutlich stärkeren Euro könnte die Schweizerische Nationalbank noch vor der EZB die Leitzinsen erhöhen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Nein, daran glaube ich nicht. Die SNB wird vorsichtig agieren. Sie will ganz sicher den Franken nicht erneut in die Höhe schnellen lassen. Eine frühzeitige Zinserhöhung in der Schweiz sähe für mich etwas aus wie eine Hochrisikostrategie mit geringem Nutzen.

Wie sehen Sie die Entwicklung in den Schwellenländern?

Was in den Schwellenländern sehr stark wirkte, war die Erholung des Ölpreises und einiger Rohstoffe. Der Ölpreis erreichte Anfang 2016 die Talsohle und stabilisierte sich dieses Jahr um in der Bandbreite zwischen 45 und 55 Dollar pro Fass, wo er meiner Meinung nach nächstes Jahr verharren wird. Brasilien und Russland profitierten von dieser Stabilisierung. Ich glaube sogar, dass der Ölpreis der entscheidende Faktor war, der die Weltwirtschaft 2017 voranbrachte, weil die Entwicklung sowohl den USA als auch Kanada nützte.

Christopher Probyn ist gebürtiger Brite und lebt seit vielen Jahren in den USA. Er ist Chefökonom des Vermögensverwalters State Street Global Advisors in Boston, Massachusetts. In dieser Funktion stellt er wirtschaftliche Prognosen und Analysen auf und leitet sein Wissen an Fondsmanager für Anleihen- und Aktienfonds weiter. Vor seiner Zeit bei State Street war er unter anderem für die UBS in New York tätig. Seine Ausbildung absolvierte er in Edinburgh, an der University of Manchester und an der London School of Economics.