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Ökonom Janwillem Acket - «Es ist noch Hurrikan-Saison an den Aktienmärkten»

Trotz politischen Unsicherheiten glaubt Janwillem Acket an steigende Aktienkurse aufs Jahresende hin. Die gute Wirtschaftslage der Schweiz helfe stark, sagt der Chefökonom der Bank Julius Bär im cash-Börsen-Talk.
21.09.2018 06:34
Von Marc Forster
Janwillem Acket ist Chefökonom der Bank Julius Bär.
Bild: cash

Es geht unstet voran am Schweizer Aktienmarkt.  Am 15. August ist der Swiss Market Index unter 9000 Punkte gefallen, und am 31. August fiel er nach einer kurzen Erholung ein zweites Mal unter diese Marke. Nun steht er wieder bei knapp 9000 Punkten. Wenn man vom hektischen Auf und Ab der vergangenen Wochen auf die nächste Zeit schliesst, wird auch der Markt auch weiterhin schwanken, aber nicht aufwärts gehen.

Doch gehört es zur traditionellen Erwartungshaltung, dass die Kurse gegen Ende Jahr noch steigen. Es gibt Vorgänge, die so genannten Jahresendrallys begünstigen: Zinserträge fliessen Ende Jahr vermehrt in Aktien, Fondsmanager kaufen bei gut laufenden Titeln noch zu und stellen sie "ins Schaufenster", und Anleger steigen im Blick auf die Dividendensaison im Frühling bereits ein.

Ist 2018 aber alles ganz anders? Volatilität in den Monaten September und Oktober sei zunächst einmal normal, sagt Janwillem Acket im cash-Börsen-Talk: "Ich nenne diese immer die Hurrikan-Saison an den Aktienmärkten", sagt der Chefökonom der Bank Julius Bär. Das Sprichwort, man solle im Mai verkaufen und im September an den Markt zurückkehren ("Sell in May and go away, but remember to come back in September"), sei falsch. In Tat und Wahrheit ginge es erst Anfang November wieder los mit steigenden Kursen.

Julius Bär hat Prognosen erhöht

Und: Die Rahmenbedingungen für eine Jahresend- oder "Weihnachts"-Rally seien gegeben, sagt der Ökonom. Zum einen könnten sich die Anleger darauf verlassen, dass die Geldpolitik zumindenst in der Eurozone noch sehr locker bleibe. Aber auch der Boom in den USA trage den Markt noch weit bis ins nächste Jahr hinein. Im zweiten Quartal wuchs die US-Wirtschaft mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 4,1 Prozent. Die US-Indicess Dow Jones und S&P500 erreichten gestern bei Ständen von 26'614 bzw. 2924 Punkten neue Rekordstände.

Auch die Schweiz erlebe einen Boom: "Das Wachstum ist unterschätzt worden." Die Prognose für das Schweizer Bruttoninlandprodukt (BIP) hat Julius Bär nach einer guten Konjunkturentwicklung über das bisherige Jahr geändert: Statt um 2,2 Prozent wie bisher soll es dieses Jahr um 3,1 Prozent wachsen. Im nächsten Jahr soll das Wachstum 1,5 Prozent statt bisher angenommen 1,1 Prozent betragen.

Mit dieser Analyse ist die Zürcher Vermögensverwaltungsbank nicht allein: Die Bundesökonomen vom Staatsekretariat für Wirtschaft Seco haben die 2018er Prognose von 2,4 auf 2,9 Prozent angehoben. Auch die Vorhersagen von UBS, Credit Suisse und dem Forschungsinstitut BAK Basel sind optimistischer geworden. Bei den Vorlaufindikatoren zeige die Schweiz noch bessere Werte als etwa die USA, die ihrerseits über eine sehr starke Wirtschaftslage verfügten, sagt Acket.

Lautes politisches Getöse

Seine Prognose unterscheidet sich indessen von der Mehrheit der Leserinnen und Leser von cash.ch, die in dieser Woche an einer Umfrage teilnahmen. Sie wurden gefragt, ob sie vor allem angesichts des täglich für Schlagzeilen sorgenden Handelskonflikt noch an steigende Kurse bis Ende Jahr glaubten: 54 Prozent sagten, die Unsicherheiten seien dafür zu gross.

Der Handelskonflikt USA-China habe einige indirekte Effekte auf die Wertschöpfungsketten, die auch die Schweizer Wirtschaft erreichten. Aber der Handelskonflikt betreffe wiederum nur 20 Prozent der Exporte Chinas. "Es ist ein bilateraler Streit zwischen den USA und China, der die Schweizer Exportwirtschaft wohl nur in Einzelfällen betrifft."

Lärm, der die Märkte verunsichern werde, gebe es aber weiterhin: "Das Getöse der Politik wird auch in Europa anhalten", sagt Acket. Die ausgabenfreudige italienische Regierung werde zur unruhigen Situation beitragen. Die generelle Unsicherheit und das politische Hin und Her könnten durchaus noch für eine weitere Aufwertung des Frankens sorgen. "Aber die Währungsituation wiegt gar nicht so schwer. Die Währung ist zehn mal weniger wichtig als die Nachfrage nach den Exporten." Und dem Export gehe es sehr gut.

Im cash-Börsen-Talk äussert sich Janwillem Acket auch zur Bilanz der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Er sagt, weswegen er einen raschen Abbau der SNB-Bilanz, die über 780 Milliarden Franken Fremdwährungsposten aufweist, für unwahrscheinlich hält. Er macht auch eine Prognose, wann die SNB die Zinsen von -0,75 auf -0,5 Prozent anheben könnte.