Oops, die Briten haben es tatsächlich getan

Grossbritannien wird aus der Europäischen Union austreten. Für den Brexit stimmten 51,89 Prozent der Wähler, 48,11 Prozent wollten in der EU bleiben, teilte die Wahlbehörde am Freitagmorgen mit.
24.06.2016 08:54
Die EU-Gegner in London können jubeln.
Die EU-Gegner in London können jubeln.
Bild: Bloomberg

In einem nächtlichen Wahlkrimi lagen anfangs die EU-Befürworter vorne. Die Trennung der zweitgrössten europäischen Volkswirtschaft von der EU löste weltweit an den Börsen drastische Kursverluste aus. Das britische Pfund stürzte auf ein 30-Jahres Tief ab. In der EU soll noch am Vormittag die Krisendiplomatie anlaufen: In Brüssel stand ein Treffen der Präsidenten der drei EU-Institutionen an, in Luxemburg wollen die Aussenminister unter anderem von Deutschland und Frankreich die Folgen beraten. In Schottland wurden erste Rufe laut, sich aus dem Vereinigten Königreich zu lösen, um die EU-Mitgliedschaft zu wahren.

Weltweit reagierten führende Politiker mit Bestürzung auf das Votum der Briten. US-Präsident Barack Obama kündigte an, das Ergebnis noch am Freitag mit Premierminister David Cameron zu beraten. "Damn! Ein schlechter Tag für Europa", twitterte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Bundesaussenminister Frank-Walter Steinmeier sprach von einem "wahrlich ernüchternden" Ergebnis. Sein französischer Kollege Jean-Marc Ayrault erklärte, das Referendums sei "traurig für Grossbritannien". Der Präsident des Europa-Parlaments Martin Schulz machte deutlich, dass es jetzt darauf ankomme, die verbleibenden 27 EU-Mitglieder zusammenzuhalten. Eine Ketten-Reaktion von EU-Ländern werde es nicht geben, erklärte er und kündigte an: "Die Scheidungsverhandlungen werden jetzt schnell beginnen."

Wirtschaft und Handel von Brexit geschockt

Auch für Wirtschaft und Handel ist das Ergebnis schockierend, nachdem zuletzt die Zuversicht gewachsen war, Grossbritannien werde in der EU bleiben. Der Kurs des Pfund Sterling stürzte um bis zu 11,1 Prozent ab und lag mit 1,3232 Dollar so niedrig wie zuletzt im September 1985. Der Euro fiel um bis zu 4,1 Prozent auf ein Dreieinhalb-Monats-Tief von 1,0914 Dollar. Am Aktienmarkt verlor der japanische Leitindex Nikkei 8,1 Prozent und stand damit vor dem grössten Tagesverlust seit mehr als fünf Jahren. Die Börse Hongkong gab 4,7 Prozent nach. Auch beim Londoner Auswahlindex FTSE und dem Frankfurter Dax - beide Börsen öffnen um 09.00 Uhr mitteleuropäischer zeit - wurde mit dem grössten Kurssturz seit Jahren gerechnet.

Die Finanzminister der sieben führenden Industrienationen (G7) bereiteten Japan zufolge eine Erklärung vor, um die Märkte zu beruhigen. Für den Morgen wurde eine Pressekonferenz anberaumt.

Auftrieb für UKIP, Front National und Co

Die Fliehkräfte in der EU, vor allem nationalistische und rechtspopulistische Parteien, sehen sich durch den Brexit befeuert. In Frankreich forderte der rechtsextreme Front National ebenfalls ein Referendum über den Verbleib des Landes in der EU. Auch der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders trat für eine Volksbefragung über die EU-Mitgliedschaft seines Landes ein. Der Brexit verstärkte aber auch Spaltungstendenzen im Vereinigten Königreich. Neben der schottischen Regierung will auch die pro-irische Sinn Fein in Nordirland für einen Austritt werben. Ziel ist eine Vereinigung mit Irland.

Der Austritt Grossbritanniens nach über 40-jähriger Mitgliedschaft erschüttert die EU in ihren Grundfesten. Mit Grossbritannien verliert sie nicht nur ihre zweitgrösste Volkswirtschaft und mit Atomwaffen ausgerüstete Militärmacht. Grossbritannien ist auch global ein Schwergewicht mit Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat und engen Verbindungen zu den USA. Die Gemeinschaft steht nun vor einem schwierigen Trennungsprozess, der Jahre in Anspruch nehmen kann und der für anhaltende Unsicherheit an den Märkten sorgen könnte.

In Grossbritannien steht das politische Schicksal von Cameron auf der Kippe. Der Chef der euroskeptischen Partei UKIP, Nigel Farage, forderte ihn zum sofortigen Rücktritt auf. Camerons Hauptkontrahent in dem hitzigen Wahlkampf war der Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson. Er gilt auch als möglicher Nachfolger von Cameron. Sein Lager propagierte eine Abkehr von der EU mit der Warnung vor einer ungebremsten Einwanderung von Ausländern. Die EU-Anhänger um Cameron konterten mit dem Schreckensbild einer Rezession und einem massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen.

(Reuters)