Pandemie - Corona: Omikron stellt die Hoffnungen auf Herdenimmunität in Frage

Die sich rasant ausbreitende Omikron-Variante wird nach Einschätzung von Experten wohl nicht zu der erhofften Herdenimmunität gegen das Coronavirus führen.
22.01.2022 19:40
Südafrika-Pavillon am WEF 2019 in Davos. Im afrikanischen Land wurde Omikron zum ersten Mal festgestellt.
Südafrika-Pavillon am WEF 2019 in Davos. Im afrikanischen Land wurde Omikron zum ersten Mal festgestellt.
Bild: cash

Seit den ersten Tagen der Pandemie haben Vertreter des öffentlichen Gesundheitswesens die Hoffnung geäußert, dass es möglich sei, eine Herdenimmunität gegen Covid-19 zu erreichen, wenn ein ausreichend hoher Prozentsatz der Bevölkerung geimpft oder mit dem Virus infiziert ist. Diese Hoffnungen wurden aber enttäuscht, als das Coronavirus im vergangenen Jahr in rascher Folge zu neuen Varianten mutierte, die es ihm ermöglichten, Menschen, die geimpft waren oder sich zuvor angesteckt hatten, erneut zu infizieren.

Zwar haben einige Gesundheitsbehörden, etwa in Israel, die Möglichkeit der Herdenimmunität seit dem Auftauchen von Omikron Ende letzten Jahres wieder aufgegriffen. Sie verweisen auf die Tatsache, dass sich die Omikron-Variante so schnell ausbreitet und die Verläufe bei einer Infektion milder sind. Epidemiologen weisen jedoch darauf hin, dass die Übertragbarkeit von Omikron dadurch begünstigt wird, dass diese Variante sogar besser als ihre Vorgänger in der Lage ist, Menschen zu infizieren, die geimpft sind oder eine frühere Infektion hatten. Die Forscher sehen dies als Beleg dafür, dass das Virus weiter Wege finden wird, die Immunabwehr zu überwinden.

"Das Erreichen eines theoretischen Schwellenwerts, ab dem die Übertragung aufhört, ist angesichts der Erfahrungen, die wir mit der Pandemie gemacht haben, wahrscheinlich unrealistisch", sagt Olivier le Polain, Epidemiologe bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), zu Reuters. Das heiße aber nicht, dass eine vorherige Immunität keinen Nutzen bringt, sagen Experten: Es gebe zunehmend Hinweise darauf, dass Impfstoffe und frühere Infektionen die Immunität der Bevölkerung gegen Covid-19 stärken, wodurch zumindest das Risiko schwerer Krankheitsverläufe sinken sollte.

Corona ist nicht wie Masern

"Solange die Immunität der Bevölkerung bei dieser Variante und künftigen Varianten anhält, haben wir Glück und die Krankheit wird beherrschbar sein", sagt David Heymann, Professor für Epidemiologie für Infektionskrankheiten von der London School of Hygiene and Tropical Medicine. Die derzeitigen Covid-19-Impfstoffe wurden in erster Linie entwickelt, um schwere Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern, nicht aber eine Infektion. Die Ergebnisse klinischer Studien Ende 2020, die zeigten, dass zwei Dosen der Impfstoffe eine Wirksamkeit von über 90 Prozent gegen die Krankheit erzeugen, weckten zunächst die Hoffnung, dass das Virus durch eine weit verbreitete Impfung weitgehend eingedämmt werden könnte - ähnlich wie die Masern durch Impfungen in Schach gehalten werden.

Im Falle von SARS-CoV-2 hätten zwei Faktoren dieses Bild allerdings untergraben, sagt der Epidemiologe Marc Lipsitch, von der Harvard T.H. Chan School of Public Health. "Der erste ist, dass die Immunität insbesondere gegen Infektionen, die die wichtigste Art der Immunität ist, recht schnell abnimmt. Zumindest bei den Impfstoffen, die wir derzeit haben." Zweitens könne das Virus schnell so mutieren, dass es sich der Schutzwirkung einer Impfung oder einer früheren Infektion entziehen könne - selbst wenn die Immunität noch nicht nachgelassen habe.

"Es verändert das Spiel, wenn geimpfte Menschen immer noch Viren ausscheiden und andere Menschen anstecken können", urteilt David Wohl, Spezialist für Infektionskrankheiten von der Chapel Hill School of Medicine an der Universität von North Carolina. Wohl warnt davor, anzunehmen, dass eine Omikron-Infektion den Schutz erhöht, insbesondere gegen die nächste mögliche Variante. "Nur weil man Omikron hatte, schützt das vielleicht vor einer erneuten Infektion mit Omikron, vielleicht." In der Entwicklung befindliche Impfstoffe, die eine Immunität gegen künftige Varianten oder sogar mehrere Arten von Coronaviren bieten, könnten dies ändern, glaubt Pasi Penttinen, der führende Influenzaexperte des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten. Aber das brauche Zeit.

Dennoch ist die Hoffnung auf eine Herdenimmunität als Eintrittskarte zurück in das normale Leben schwer ins Wanken zu bringen. "Diese Dinge waren in den Medien zu lesen: 'Wir werden die Herdenimmunität erreichen, wenn 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sind'. Das ist nicht passiert. Dann bei 80 Prozent. Auch das ist nicht eingetreten", sagt Francois Balloux, Professor für computergestützte Systembiologie am University College London. "So schrecklich es auch klingen mag, ich denke, wir müssen uns darauf einstellen, dass die große Mehrheit, im Grunde jeder, mit SARS-CoV-2 in Kontakt kommen wird." Experten gehen davon aus, dass das Coronavirus letztlich endemisch wird. Omikron hat jedoch die Frage aufgeworfen, wann genau dies der Fall sein wird. "Wir werden es schaffen", sagte WHO-Experte le Polain, "aber im Moment sind wir noch nicht so weit". 

(Reuters)