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Papandreou: «Schuldzuweisen muss aufhören»

Vor drei Jahren war er der bekannteste Politiker der Welt. Im Video-Interview mit cash äussert sich der griechische Ex-Premierminister Giorgos Papandreou zum Zustand seines Landes und zu seinen Vorstellungen für Europa.
27.02.2014 00:55
Von Daniel Hügli, Frankfurt
Giorgos Papandreou, Ex-Ministerpräsident von Griechenland, im Video-Interview mit cash in Frankfurt.
Bild: cash

Im Februar 2010 wars, da prangte eine griechische Statute auf der Titelseite des deutschen Magazins "Focus". Bloss handelte es sich um keine herkömmliche Statue. Die Heft-Statue streckte dem Leser den ausgestreckten rechten Mittelfinger entgegen. Daneben stand in grossen Buchstaben: "Betrüger in der Euro-Familie: Bringt uns Griechenland um unser Geld?"

Fehlender Sparwille, nicht eingehaltene Versprechen, Klüngelwirtschaft und -politik, Verprassen von fremden Steuergeldern: In den Jahren 2010 und 2011, der schwersten Zeit der Krise im Euroraum und in Griechenland, hagelte es Vorwürfe an die Adresse Griechenlands, die Emotionen gerade in Deutschland kochten hoch.

Die Griechen dagegen übten sich vorab im Bashing von deutschen Politikern. An Demonstrationen wurde Kanzlerin Angela Merkel auf Cartoons schon mal mit Hitlerschnauz durch die Strassen geführt. Dass sich die Wogen zwischen Nord und Süd in der Eurozone inzwischen geglättet haben, wäre, gelinde gesagt, eine übertriebene Aussage.

"Wir müssen dieses 'blame game', dieses Schuldzuweisen in Europa, hinter uns lassen", sagt der ehemalige griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou im Video-Interview mit cash.ch am Rande des Institutional Money Kongresses in Frankfurt. "Wir müssen in Europa die Kräfte bündeln, statt sich vor dem Zusammenleben miteinander zu fürchten. Das ist die Message, die ich meinen deutschen Miteuropäern überbringen möchte", sagt Papandreou.

Griechenland nähert sich dem Ende des Reformprozesses

Papandreou, heute amtierender Vorsitzender der Sozialistischen Internationalen und oft gebuchter Redner an Kongressen, sprach in Frankfurt vor 300 vorwiegend deutschen Investoren. Leute, welche mithalfen, die Renditen der griechischen Staatsanleihen vor drei Jahren durch umfangreiche Bond-Verkäufe auf weit über 30 Prozent zu heben. Ein Level, welches das Land an den Rand des Bankrotts führte. Mittlerweile sind die Zinsen wieder unter 10 Prozent gefallen.

Damals schaute die Welt jeden Tag gebannt auf Papandreou. Die Hellas-Regierung unter Papandreou, die Ende 2009 ins Amt kam, beantragte im April 2010 erstmals offiziell internationale Finanzhilfe - nach Beteuerungen, dass solche Hilfen nicht notwendig seinen. Das Rettungspaket hatte ein Volumen von 110 Milliarden Euro. Heute sind es inzwischen mehr als doppelt soviel.

Papandreou hinterliess in Frankfurt und auch in früheren Interviews den Eindruck, als wollte er viel Schuld von sich weisen. Europa hat sich nach seiner Einschätzung bei Griechenland von Anfang an falsch verhalten, daher sei die Situation eskaliert. "Als Mitglied der EU konnte Griechenland nicht direkt beim Internationalen Währungsfonds Kredite aufnehmen", sagt Papandreou aus heutiger Sicht, "und die Europäische Union zögerte Zusagen hinaus".

Papandreou selber schreckte aber auch vor radikalen Kürzungen bei den Staatsausgaben zurück. Er musste dann Ende 2011 wegen des schwindenden innen- und aussenpolitischen Rückhaltes abdanken. Er ist der Meinung, dass die Entwicklungen in Griechenland bloss ein Vorbote dessen seien, was noch kommen könnte. Griechenland sei ein Lehrstück für die Eurozone.

Für sein Land bleibt Papandreou optimistisch: "Wir nähern uns in Griechenland langsam dem Ende eines schwierigen und schmerzhaften Prozesses", sagt er weiter zu cash.ch. Viele Reformen müssten zwar noch umgesetzt werden. Doch Griechenland sei wieder attraktiv für Investitionen. Die Wettbewerbsfähigkeit habe zugenommen, der Toursmus boome, die Landwirtschaft befinde sich im Wandel, die Privatisierung komme voran.

Erstes Wirtschaftswachstum seit 2007 in Sicht

Im laufenden Jahr traut die EU-Kommission Griechenland in der Tat 0,6 Prozent Wachstum zu. Damit wäre 2014 das erste Jahr seit 2007 mit einem Wirtschaftswachstum für das Land, in welchem die Jugendarbeitslosigkeit im letzten Jahr die Marke von 60 Prozent überschritt.

Athens Schulden bleiben allerdings gewaltig, auch wenn der Stand laut EU-Prognose von 177 Prozent der Wirtschaftsleistung 2014 auf 171,9 Prozent im Jahr 2015 sinken dürfte. Erlaubt ist nach den EU-Regeln eine Verschuldung von höchstens 60 Prozent des BIP. Immerhin dürfte Griechenland das Etatdefizit in diesem Jahr auf 2,2 Prozent und 2015 auf 1 Prozent des BIP kräftig drücken.

Papandreous Auftritt in Frankfurt war insgesamt nicht bloss ein Werben für die Belange von Griechenland, sondern auch ein Promoten seiner Idee für nachhaltiges Denken auf dem Alten Kontinent: "Warum soll Europa nicht die führende Rolle bei der Lösung eines zentralen Zukunftproblems übernehmen, nämlich beim Klimawandel?", fragt Papandreou. Ein grüner "Marshall-Plan" für Europa werde die Jugend in Europa inspirieren und neue Jobs schaffen. 

Im Mittelpunkt stünden hohe Qualität und eine gute Ausbildung. Papandreou fordert dabei Investitionen für erneuerbare Energien, Informationstechnologie und digitale Infrastruktur. Nur gemeinsam hätten die Staaten der EU eine Chance, ihre Position in der Welt zu halten. Papandreou verwies dabei auf eine kürzlich erschienene Prognose von PricewaterhouseCoopers. Demnach werde Deutschland im Jahr 2050 auf der Liste der grössten Volkswirtschaften der Welt bloss noch auf dem neunten Rang liegen, hinter Mexiko oder Indonesien.
 

Im Video-Interview mit cash äussert sich Giorgos Papandreou ausführlich zu seinen Zukunftsvisionen und zu seinem Auftritt in Frankfurt.