Pensionskassen gehen an die Substanz - Öffentlichkeit ist gefordert

(Meldung nach MK neu gefasst)
06.09.2016 14:50

Bern (awp/sda) - Schweizer Pensionskassen haben 2015 in Summe einen Verlust von fast 4 Mrd CHF erwirtschaftet, der aus dem Vermögen der beruflichen Vorsorgeeinrichtungen gedeckt werden muss. Unter dem Strich resultierte in der zweiten Säule im vergangenen Jahr also ein beachtliches Minus, obwohl im gleichen Zeitraum hohe Wertschwankungsreserven von rund 13,3 Mrd CHF aufgelöst wurden.

Hauptgrund für das Abrutschen in die roten Zahlen im vergangenen Jahr ist der Einbruch bei den BVG-Anlageerträgen, die laut einer Publikation des Bundesamtes für Statistik (BFS) vom Dienstag um 87,4% auf rund 6,5 Mrd CHF einknickten. Im Jahr 2014 erwirtschafteten Pensionskassen demnach noch die enorme Summe von fast 45 Mrd CHF mehr an Kapitalerträgen.

Die Zahl der Pensionierten stieg 2015 laut dem BFS um 3,9% auf rund 723'000 Personen. Dieser Personenkreis bezog Rentenleistungen in Höhe von 21,2 Mrd CHF, was ein Plus von 2,3% darstellt. Bei der Pensionierung liessen sich 2015 rund 36'000 Personen (-1,1%) zirka 6,2 Mrd CHF (+1,5%) in der zweiten Säule als Kapitalleistungen auszahlen.

VIELE MISSSTÄNDE

Öffentliche wie privatrechtliche Vorsorgeeinrichtungen, deren Anzahl im vergangenen um 4,6% auf rund 1800 abnahm, weisen laut den BFS-Zahlen offene Schulden von rund 28,5 Mrd CHF aus, wovon ein Grossteil dieser als Unterdeckungen bekannten Missstände auf die zweite Säule bei der öffentlichen Hand zurückgeht.

Zudem erhöhten sich 2015 die Forderungen der Vorsorgeeinrichtungen bei den Arbeitgebern um 14,9% auf rund 12,4 Mrd CHF, was bedeutet, dass die Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen ihren Pensionskassen zwar deutlich mehr Gelder zugesagt haben, aber die Überweisung der Beträge noch aussteht. Offenbar haben Verantwortliche mancherorts neue Wege gefunden, Geld zu versprechen, aber nicht einzuzahlen.

Hauptsächlich aufgrund des niedrigen Zinsniveaus sowie infolge der Negativzinsen änderten Schweizer Pensionskassen im vergangenen Jahr in zwei Punkten deutlich ihre Anlagestrategie. So nahmen die flüssigen Mittel um rund 27% auf 41,6 Mrd CHF ab und die alternativen Anlagen um 27% auf 64,8 Mrd CHF zu. Ausserdem stiegen die Anlagen in ausländische Immobilien um markante 11,1% auf 13,1 Mrd CHF.

ÖFFENTLICHKEIT GEFORDERT

Angesichts solcher Zahlen warnen Experten bereits davor, dass Schweizer Pensionskassen in deutlich illiquidere und riskantere Anlageformen investieren. Aufgrund dieser Entwicklung, infolge des Fehlbetrages 2015 und angesichts der Unterdeckungen müsste sich die Öffentlichkeit an der zweiten Säule laut Beobachtern aber viel mehr interessieren, denn jeder Arbeitnehmer und Pensionär in der Schweiz ist davon betroffen. Allein die Zahl der aktiv Versicherten legte im vergangenen Jahr um 1,7% auf nunmehr 4,1 Millionen Personen zu.

Allerdings zeigte eine Studie der Axa Winterthur in der vergangenen Woche, dass das Interesse für das Thema Vorsorge in der Schweizer Bevölkerung relativ gering ist. Wie in den Vorjahren interessiert sich nämlich jeder fünfte Befragte grundsätzlich gar nicht dafür.

Das Gesamtvermögen der beruflichen Vorsorge ist aber gewaltig. Es stieg 2015 gemäss den provisorischen BFS-Zahlen um 1,2% auf die unvorstellbar hohe Summe von 787 Mrd CHF. Daher müssten Missstände und offensichtliche Mängel viel mehr Gehör in der breiten Öffentlichkeit finden.

Eine Publikation der Eidgenössischen Revisionsaufsichtsbehörde RAB vom Juni zeigte, dass die Unzulänglichkeiten bei Sammelstiftungen und Co. gigantisch sind. So gab es bei Untersuchungen doch tatsächlich Vorsorgeeinrichtungen, die über mehrere Jahre gänzlich auf die Prüfung ihrer Buchhaltung verzichteten oder Wertberichtigungen einfach nicht vornahmen.

Die Experten mahnten zudem Personalverquickungen zwischen Prüfern und Stiftungsräten in den Vorsorgeeinrichtungen, Klumpenrisiken etwa im Immobilienbereich sowie Transaktionen mit nahestehenden Personen an. In der Presse sorgten solche Zustände allerdings kaum für Aufmerksamkeit.

/ra

(AWP)