Kolumne

Pensionskassen - Gerangel um Mindestzins ist ein Streit um des Kaisers Bart

Das Gezerre um die Mindestverzinsung des Pensionskassenkapitals ist ein alljährliches Schaulaufen. Doch das wahre Problem ist die Umverteilung von Jung zu Alt.
10.09.2018 07:09
Von Claude Chatelain
Gerangel um Mindestzins ist ein Streit um des Kaisers Bart
Bild: Shane Wilkinson

 

Die Kolumne "Gopfried Stutz" erschien zuerst im 

 

Die Pensionskassen verdienten im zurückliegenden Jahr sehr gut. Sie erzielten Renditen zwischen 6 und 8 Prozent. Und nun empfiehlt doch die BVG-Kommission dem Bundesrat, den garantierten Mindestzins im kommenden Jahr von 1,0 auf 0,75 Prozent zu senken. Sie stützt sich dabei auf eine neue Formel, mit welcher zukünftige Renditen geschätzt werden.

Für eine Senkung der garantierten Verzinsung mag es anlagetechnische Gründe geben. Doch wie sag ichs meinem Kinde? Wie will man den Versicherten erklären, dass der garantierte Zins nach einem derart prächtigen Anlagejahr gesenkt werden muss?

Das Gezerre um den Mindestzins ist ein alljährliches Schaulaufen. Die Gewerkschaften wollen einen möglichst hohen Zins, die Lebensversicherer einen möglichst tiefen – und der Bundesrat entscheidet sich dann für einen Kompromiss.  Doch der Mindestzins, mit dem das obligatorisch angesparte Sparkapital im Minimum verzinst werden muss, fusst auf einem Konstruktionsfehler: Mit diesem Zins werden betriebseigenen Pensionskassen und Lebensversicherern die gleichen Vorgaben gemacht, obschon sie andere Regeln befolgen müssen.

Die Pensionskassen dürfen bis 50 Prozent in Aktien investieren. Das führt dazu, dass sie aufgrund der grossen Schwankungen an den Aktienmärkten auch mal in eine Unterdeckung geraten. Den Lebensversicherern im Vollversicherungsmodell ist dies verwehrt. Sie müssen stets in der Lage sein, heutige und künftige Verpflichtungen zu erfüllen. Sie haben deshalb einen Aktienanteil von unter 10 Prozent und mehrheitlich Obligationen im Portefeuille, die kaum mehr Erträge abwerfen.

Ich habe mal den Vergleich mit einer Fussballmannschaft gemacht: Die Pensionskassen können mit elf Spielern auflaufen; die Lebensversicherer nur mit sieben. Doch für beide gelten sonst die gleichen Spielregeln.

Am besten wäre es, man würde die Garantie des Mindestzinses abschaffen oder zumindest den Vollversicherern einen tieferen garantierten Mindestzins zugestehen. Die Höhe der Verzinsung ist eine Funktion der Reserven und der künftigen Verpflichtungen. Sie sollte nicht durch eine allgemeingültige Formel festgelegt werden.

Wohlverstanden: Wir sprechen hier nur vom Mindestzins. Jeder Vorsorgeeinrichtung ist es unbenommen, das Guthaben der Versicherten zu einem höheren Satz zu verzinsen. Das würde nämlich vermehrt passieren, wenn wir nicht einen zu hohen Umwandlungssatz hätten. Eine Senkung desselben hat das Schweizer Volk bisher an der Urne abgelehnt. Dafür müssen  wir Arbeitnehmer nun die Renten der Pensionäre mitfinanzieren.

Die Umverteilung von Jung zu Alt betrug im vergangenen Jahr 7 Milliarden Franken. Das ist das wahre Problem. Im Vergleich dazu ist das Gerangel um den garantierten Mindestzins ein Streit um des Kaisers Bart.

Claude Chatelain

Claude Chatelain (geb. 1953) ist Kolumnist beim «SonntagsBlick». In der Kolumne «Gopfried Stutz» beschreibt er wöchentlich seine Beobachtungen auf dem Gebiet der Vorsorge, der Versicherungen und der Anlageberatung. Zuvor schrieb der langjährige Wirtschaftsjournalist für die Wirtschaftszeitung Cash und die «Berner Zeitung». Von 1991 bis 1998 betreute der studierte Ökonom im «Blick» die Ratgeber-Kolumne «Chatelain rät».