Politik Deutschland - Das Spiel mit der «K-Frage»: Wer wird Angela Merkels Nachfolger?

Angela Merkel ist noch immer deutsche Bundeskanzlerin. Aber ihre möglichen Nachfolger machen sich bereit: Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder spielt das Spiel der Andeutungen und Symbole gekonnt.
15.07.2020 18:00
Markus Söder und Angela Merkel auf dem Schloss Herrenchiemsee in Bayern.
Markus Söder und Angela Merkel auf dem Schloss Herrenchiemsee in Bayern.
Bild: imago images / Sammy Minkoff

"Ja", sagt Angela Merkel und löst bei ihrem gemeinsamen Auftritt mit Markus Söder Unruhe unter den Journalisten aus. Denn zuvor war die Kanzlerin gefragt worden, ob sie den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef für kanzlertauglich halte. Aber dann stellt Merkel klar, dass sie auf die erste von zwei Fragen des Journalisten geantwortet habe - und sich als scheidende Kanzlerin zu ihrer Nachfolge nicht äussern werde.

Söder an ihrer Seite spielt lächelnd Enttäuschung. Dabei weiss der CSU-Chef ganz genau, dass er mit dem Besuch der Kanzlerin im Inselschloss Herrenchiemsee am gestrigen Dienstag die Spekulationen über seine Kanzlerkandidatur erneut angeheizt hat - trotz aller Dementis. Pünktlich zum Tag kommt eine neue Forsa-Umfrage, dass 52 Prozent der Deutschen ihn als Kanzlerkandidaten der Parteienfamilie CDU/CSU möchten.

Meister der Bild-Inszenierungen

Obwohl es bei Merkels erstem Zusammentreffen mit dem bayerischen Kabinett eigentlich um Europa und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft geht, schwingt die "K-Frage" während des gesamten Programms mit. Denn Söder hat als Meister der Bild-Inszenierungen eine symbolträchtige Kulisse gewählt. Auf der Insel Herrenchiemsee wurde vor mehr als 70 Jahren das deutsche Grundgesetz ausgearbeitet, die Verfassung des deutschen Staates.

Und am Hafen von Prien am Chiemsee säumen einige hundert Menschen winkend und applaudierend die Absperrungen und Kaimauern, als Merkel und Söder mit dem historischen Schaufelraddampfer "Ludwig Fessler" aus dem Jahr 1926 zur Insel übersetzen. Unter den Schaulustigen recken zwei Männer ein Plakat mit der Aufschrift "Markus Söder Kanzlerkandidat? Ja" in die Höhe.

"Er soll kandidieren, weil er den grössten Zulauf hat", sagte der 90-jährige Rudi Voit. "Söder hat die Corinakrise am besten gemeistert", fügt sein 59 Jahre alter Sohn Thomas aus Grassau im Chiemgau hinzu. Aber als Söder selbst auf die K-Frage angesprochen wird, blinzelt er nur in die Sonne, geniesst das malerische Panorama aus Alpen und Chiemsee und sagt knapp: "Mein Platz ist hier."

Merkel besucht auch andere Bundesländer

Und auch Merkel versucht, die Konzentration der Medien weg von der Personalfrage zu ziehen, verweist immer wieder auf die Abstimmung in der EU-Politik, die Corona-Krise und betont, dass sie natürlich auch andere Landeskabinette besuchen werde, wenn Ministerpräsidenten sie denn einladen würden. Auch Merkel weiss, dass ihr jeder Halbsatz als Unterstützung für den ein oder anderen der nicht einmal offiziell benannten Kandidaten ausgelegt wird.

Dabei habe sie sich als scheidende Kanzlerin "besondere Zurückhaltung" für die Frage nach ihrem Nachfolger auferlegt. "Ich kann nur sagen, Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten", ist alles, was ihr zu entlocken ist.

«Nahezu ganz grosse Übereinstimmungen»

Auch Söder will es nicht überziehen und sagt, dass die viel grössere symbolische Bedeutung des Treffens doch in der Versöhnung zwischen der CSU und der Kanzlerin liege. Söder erinnert an den erbitterten Streit über die Flüchtlingspolitik in Kreuth und auf einem CSU-Parteitag, wo Merkel von Söders Vorgänger Horst Seehofer 2015 vorgeführt worden war.

Doch jetzt sehe er "nahezu ganz grosse Übereinstimmung, wenn ich das sagen darf". Demonstrativ tragen Söder und Merkel ihre Schutzmasken sogar noch auf dem Boot, bis sie fest Platz genommen haben. Dann huldigt er Merkel als grosse europäische Kanzlerin, wegen der Deutschland gut durch die Corona-Krise gekommen sei. Aber auch dabei wirkt es wie ein Seitenhieb auf Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet, als Söder betont, dass er und Merkel sich im vorsichtigen Kurs durch die Corona-Krise völlig einig seien.

Ganz können beide das Thema K-Frage ohnehin nicht verdrängen - was auch an der ungelösten Frage liegt, wer denn nächster CDU-Chef wird. Alle drei CDU-Kandidaten Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen liegen in Umfragen deutlich hinter Söder. Fast wirkt es am Dienstag wie ein Fernduell. Denn während Söder Merkel empfängt, trifft Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Laschet zeitgleich in Frankreich am französischen Nationalfeiertag Präsident Emmanuel Macron. Der Charme der bayerischen Provinz trifft auf Europa-Flair.

Dabei gehören ausgerechnet die beiden Ministerpräsidenten der wohl wichtigsten Bundesländer im Personalrennen zu denen, die vor zu einer frühen Festlegung der Union auf die K-Frage warnen. Die CSU würde der Frage am besten bis 2021 ausweichen. Und jeder CDU-Vorsitzende muss nach dem Bundesparteitag im Dezember nach Unionsangaben erst einmal die CDU hinter sich einen, um erfolgreich Anspruch auf die Kanzlerkandidatur erheben zu können.

(Reuters/cash)