Politik Europa - Britisches «Blame-Game» verärgert Angela Merkel

Es war offenbar kein angenehmes Telefonat, das Bundeskanzlerin Angela Merkel und Grossbritanniens Premierminister Boris Johnson diese Woche führten.
12.10.2019 17:41
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.
Bild: www.glynlowe.com

Flickr, Lizenz CC BY 2.0

Merkel machte Johnson unmissverständlich klar, dass für eine Einigung im Brexit-Streit Nordirland auf jeden Fall Teil der Zollunion bleiben müsse - woraufhin Johnson erklärte, dass diese Forderung für Grossbritannien unerfüllbar und daher ein Abkommen mit der EU unmöglich sei.

So jedenfalls die britische Version des Gesprächs, die am Dienstag nur wenige Stunden nach dessen Ende von den emsigen "spin doctors" in Downing Street in Umlauf gebracht wurde. Das deutsche Kanzleramt gab sich dagegen betont schmallippig und wollte zunächst nur bestätigen, dass dieses Telefonat in der Tat stattgefunden habe. Und nur hinter vorgehaltener Hand erfuhr man, dass das Gespräch etwas anders verlaufen sei und es sich um eine sehr britische Lesweise der handele. Von einem "blame game" war die Rede, das Johnson offenbar angefangen habe.

Von der Kanzlerin weiss man, dass sie nichts so sehr hasst wie Indiskretionen. Johnsons Vorgehen, ganze Teile eines Telefonats an die Öffentlichkeit zu lancieren, ist ein besonders dreister Fall von Vertrauensbruch, der sein Verhältnis mit der Kanzlerin endgültig zerstört haben dürfte.

Dabei hatte es gar nicht so schlecht angefangen. Als Johnson im August seinen Antrittsbesuch im Kanzleramt machte, sprach man danach von einem überraschend harmonischen Treffen. Johnson ist dafür bekannt, dass er im persönlichen Gespräch durchaus gewinnend sein kann. Auch die folgenden Zusammentreffen auf dem G7-Gipfel in Biarritz und am Rande des UN-Klimagipfels in New York liessen die deutsche Seite hoffen, dass es doch noch einen Deal mit den Briten geben könnte.

Seit Dienstag ist klar, dass es dazu wohl nicht mehr kommen wird. Der britische Premierminister hat möglicherweise niemals Interesse an einem Brexit-Abkommen gehabt. Jetzt geht es ihm nur noch darum, einen Schuldigen für die Misere zu finden. Doch die Kanzlerin tat ihm bislang nicht den Gefallen, bei diesem "blame game" mitzuspielen.

(Bloomberg)