Polizistenmörder schoss allein - Furcht in USA vor neuer Gewalt

Dallas (awp/sda/dpa/afp) - Nach den Todesschüssen auf fünf Polizisten in Dallas wächst in den USA die Sorge, dass es zu einer weiteren Eskalation der Gewalt kommt. In vielen US-Städten waren auch am Wochenende neue Protestaktionen gegen Polizeigewalt geplant.
09.07.2016 18:55

Bei einer Demonstration in New York in der Nacht zum Samstag gab es Dutzende Festnahmen. In Dallas konzentrierten sich die Ermittlungen auf die Motive des Polizistenmörders.

US-Präsident Barack Obama sprach beim NATO-Gipfel in Warschau von einer "bösartigen" und "verabscheuungswürdigen" Tat. Zudem wies er darauf hin, dass die leichte Verfügbarkeit schwerer Waffen in den USA solche Taten noch gefährlicher mache. Diese "Realität" müsse nun genauer überprüft werden. Die Nationalflaggen in den USA sollten bis Dienstag auf Halbmast wehen.

Obama kündigte an, dass er seine Europareise um einen Tag verkürzen und schon am Sonntagabend heimkehren werde. Anfang der Woche werde er auf Einladung von Bürgermeister Mike Rawlings Dallas besuchen.

Aus dem Hinterhalt geschossen

Der 25-jährige Micah Johnson hatte in der texanischen Stadt in der Nacht zum Freitag während einer Demonstration gegen Polizeigewalt fünf Polizisten erschossen und fünf weitere sowie zwei Zivilisten verletzt.

Der Schütze verschanzte sich nach den Polizistenmorden stundenlang in einem Parkhaus und wurde am Ende von einem Polizeiroboter mit einem Sprengsatz getötet. Während der Verhandlungen mit der Polizei gab er an, aus Wut über die tödlichen Polizeieinsätze gegen zwei Afroamerikaner in Minnesota und Louisiana in dieser Woche gehandelt zu haben.

Nach Erkenntnissen der Polizei war er wohl der alleinige Schütze, es könne aber Komplizen oder Mitwisser geben, wie der Gouverneur von Texas, Greg Abbott, sagte. "Wenn es sie gibt, werden wir sie finden, und sie werden zur Rechenschaft gezogen."

Waffenarsenal in der Wohnung

Die Polizei fand nach eigenen Angaben zudem in seiner Wohnung jede Menge Waffen und paramilitärisches Material - auch zum Bombenbau - sowie Schutzwesten, Munition und ein Handbuch für den bewaffneten Kampf.

Ausserdem seien afro-nationalistische Schriften aufgetaucht. Auch das könnte auf ein Motiv hindeuten. Johnson ist Afroamerikaner.

Wie weiter bekannt wurde, war der 25-Jährige ein Heeresveteran und Ende 2013 in Afghanistan eingesetzt, allerdings als Schreiner. Es deute nichts darauf hin, dass er an Kämpfen beteiligt oder verletzt worden wäre, schrieb unter anderem die "New York Times".

Nach mehreren weiteren Berichten musste Johnson den Afghanistan-Einsatz nach Vorwürfen sexueller Belästigung einer Soldatin vorzeitig beenden. Dies sei ein ungewöhnlich scharfes Vorgehen in dem Fall, zitierte die "Dallas Morning News" einen Militärjuristen.

Demos gegen Polizeigewalt

Die Organisation Black Lives Matter (Das Leben von Schwarzen zählt) verurteilte die Polizistenmorde, hielt jedoch an geplanten Protestkundgebungen fest. In Städten wie Houston, New Orleans, Detroit, Baltimore und San Francisco gingen am Freitag zehntausende Menschen auf die Strasse.

Eine der grössten Demonstrationen gab es in Atlanta, wo eine Hauptstrasse blockiert wurde. In Phoenix setzte die Polizei Pfefferspray ein, nachdem Demonstranten Steine geworfen und eine Strasse blockiert hatten. In Rochester im Bundesstaat New York wurden nach einer Strassenblockade mehr als 70 Menschen festgenommen.

US-Vizepräsident Joe Biden, der anstelle des abwesenden Obama am Samstag die wöchentliche Radioansprache hielt, rief dazu auf, Konflikte und Spaltungen friedlich zu überwinden. Alle Amerikaner seien durch "all diese Todesfälle" verwundet, sagte Biden.

Auch schwarze Bürgerrechtler erneuerten ihre Aufrufe zur Mässigung: Die Gewalt gegen Schwarze müsse beendet werden, aber die Lösung könne keinesfalls schwarze Gewalt gegen Polizisten sein.

(AWP)