Portfoliomanager Daryl Liew - «Der Handelskonflikt ist nur aufgeschoben»

Portfoliomanager Daryl Liew aus Singapur glaubt nicht, dass der amerikanisch-chinesische Handelskonflikt schnell gelöst wird. Der Stratege bei der Bank Reyl sieht aber bessere Zeiten auf Chinas Aktienmarkt zukommen.
04.12.2018 15:12
Von Marc Forster
Daryl Liew ist Leiter der Portfolio-Managements bei der Bank Reyl in Singapur.
Bild: cash

Ein veritables Aufatmen ist an den vergangenen zwei Tagen an den Finanz- und Aktienmärkten spürbar gewesen. Die US-Ankündigung, dass die USA und China in den nächsten 90 Tagen keine Zölle einführen werden, hat die Märkte vor allem am Montag nach oben getrieben. In Asien legten die Aktienmärkte um 1 bis 3 Prozent zu, auch in den USA und hierzulande gab es Auftrieb. Dass die Märkte heute etwas zurückgehen, liegt auch an Gewinnmitnahmen. Grundsätzlich herrscht Optimismus. 

Sind die Anleger weltweit also im Recht, wenn sie die jüngsten Zeichen einer anscheinenden Entspannung zwischen den USA und China feiern? Portfoliomanager Daryl Liew wiegelt ab: "Es bestehen noch gewisse Bedenken an den Finanzmärkten." Vieles an diesem Handelskonflikt sei einfach aufgeschoben worden, sagt der Marktstratege, der für die Genfer Bank Reyl in Singapur tätig ist, im cash-Video-Interview.

Handelsdisput vs strategischer Konflikt

Liew vermutet, dass die rein auf den Handel bezogenen Konflikte schon im vergangenen Juni hätten beigelegt werden können. Damals erklärte sich Peking bereit, mehr amerikanische Güter abzunehmen, was das US-Handelsdefizit gegenüber China deutlich reduziert. Dieses Handelsdefizit ist eine Hauptmotivation für US-Präsident Donald Trump für sein hartes Vorgehen gegenüber China. 

Der Konflikt der zwei grössten Wirtschaftsmächte der Welt könnte aber noch andere Gründe haben: "Wenn es um mehr strategische Gesichtspunkte geht, also wenn die USA effektiv Chinas Aufstieg bremsen wollen, dann wird es ein langwieriger Prozess", sagt Liew. China werde nicht damit einverstanden sein, seine Ambitionen von den USA beschneiden zu lassen. China strebe danach, beispielsweise in der Halbleiterindustrie von der übrigen Welt unabhängiger zu werden. Dies sei so zentral für Peking, dass sich das Land diese Optionen nicht nehmen lassen werde.

Wachstumsziel erreichbar

Indessen hat sich 2018 der chinesische Aktienmarkt schlecht entwickelt. Der Shanghai Composite Index, der als wichtigster China-Index gilt, ist seit Jahresanfang um 19,4 Prozent zurückgegangen. Der CSI300, der die 300 wichtigsten A-Aktien der festlandchinesischen Börsen abbildet, hat seit Januar um knapp 19 Prozent nachgelassen. Gemeinhin werden diese Kurseinbrüche mit dem Handelskonflikt in Verbindung gebracht.

"Der Handelskonflikt ist einer von mehreren Faktoren, welche die Märkte in China und dem übrigen Asien beeinflusst haben." Die Verringerung von Zentralbanken-Liquidität und die Zinsanhebungen namentlich der US-Notenbank Federal Reserve sei ein Hauptgrund für die Kursrückgänge. Generell negativ für asiatische Märkte sei es auch immer, wenn sich wie dieses Jahr geschehen der Dollar aufwerte.

Für 2019 erwartet Liew aber eine etwas entspanntere Situation. Der Dollar etwa zeige gewisse Zeichen der Abschwächung. Vor allem aber sei das Wachstum immer noch intakt, auch wenn es von manchen dieses Jahr als eher enttäuschend gewertet worden sei. Peking werde in den Bemühungen, das Wachstum hochzuhalten, nicht lockerlassen. Mit Erfolg, wie Liew prognostiziert: "Wir glauben, dass die chinesische Regierung immer noch viel Munition und Pulver am Trockenen hat, um die Wirtschaft zu stimulieren." 2019 werde China das Ziel problemlos erfüllen, 6,5 Prozent Wachstum zu erreichen.

Im cash-Video-Interview sagt Daryl Liew auch, warum er Vietnam und Thailand als interessante Märkte betrachtet. Er führt aus, inwiefern diese beiden Länder vom Handelskonflikt profitieren könnten.