Putschversuch in der Türkei niedergeschlagen

Der Putschversuch in der Türkei fällt offenbar in sich zusammen. Die Regierung hat nach eigenen Angaben die Situation im Griff. Die Zahl der Toten ist derweil auf insgesamt 265 gestiegen.
16.07.2016 13:20
Die politische Lage in der Türkei ist derzeit sehr unübersichtlich.
Die politische Lage in der Türkei ist derzeit sehr unübersichtlich.
Bild: cash

Bei 161 der Toten handelt es sich laut Ministerpräsident Binali Yildirim um regierungstreue Sicherheitskräfte oder Zivilisten. Hinzu kommen 104 getötete Putschisten. 1140 Menschen seien verletzt und 2839 Putschisten festgenommen worden. Die Festnahmen dauerten am Samstag an.

Unter den Verletzten ist auch ein Schweizer, wie das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) am Samstag mitteilte. Das Generalkonsulat in Istanbul stehe mit der betroffenen Person in Kontakt. Das EDA hatte in der Nacht zum Samstag auch seine Reisehinweise zur Türkei angepasst und rief Schweizer Staatsbürger auf, sich an die Anweisungen der Behörden zu halten.

Die Regierung hat am Samstagmittag nach eigenen Angaben wieder die volle Macht im Land übernommen. Die Lage sei "vollständig unter Kontrolle", sagte Ministerpräsident Yildirim. Er bestellte alle Parteien für Samstagnachmittag zu einer Sondersitzung ins Parlament ein.

Der amtierende Stabschef des Militärs, Ümit Dündar, sagte, der Putsch sei verhindert worden. Er drohte den Gegnern der Regierung in den Streitkräften mit harter Vergeltung. Dündar war von der Regierung als kommissarischer Generalstabsschef eingesetzt worden, nachdem Putschisten Armeechef Hulusi Akar vorübergehend in ihre Gewalt gebracht hatten.

Nicht der erste Militärputsch

Am späten Freitagabend war im NATO-Land Chaos ausgebrochen, als eine Gruppe Militärangehöriger versucht hatte, die Macht an sich zu reissen. Sie setzten Panzer und Helikopter ein; Istanbul und Ankara wurden von Explosionen und Schüssen erschüttert. Die Flughäfen wurden geschlossen.

Die Putschisten übernahmen die Kontrolle über den staatlichen Fernsehsender TRT. Eine Ansagerin verlas auf Geheiss des Militärs eine Erklärung, in der der Regierung vorgeworfen wurde, die demokratische, säkulare Rechtsordnung zu untergraben. Kurz darauf stellte TRT den Sendebetrieb kurzzeitig ein.

Die türkische Armee sieht sich als Wächterin der weltlichen Verfassung des Landes und hatte in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt gegen die Zivilregierung geputscht.

Der islamisch-konservative Präsident Recep Tayyip Erdogan, dem Kritiker eine zunehmend autoritäre Politik vorwerfen, kündigte in der Nacht Härte gegen die Aufständischen an.

Er forderte die Bevölkerung auf, auf der Strasse zu bleiben. Es müsse mit einem "Wiederaufflammen" des Aufstands gerechnet werden, warnte er im Kurzbotschaftendienst Twitter. In der Nacht zum Samstag hatten in den grösseren Städten des Landes tausende Menschen gegen den Putschversuch protestiert.

Präsident Erdogan weilte in den Ferien

An einer der beiden teilweise gesperrten Bosporus-Brücken in Istanbul eröffneten Soldaten in der Nacht das Feuer auf demonstrierende Regierungsanhänger. Ein Fotograf der Nachrichtenagentur AFP sah dutzende Verletzte. Auch auf dem Taksim-Platz schossen Soldaten auf Gegner des Putschversuchs, hier gab es ebenfalls Verletzte.

Erdogan, der sich in den Ferien an der Küste befunden hatte, traf in der Nacht auf dem Atatürk-Flughafen in Istanbul ein, den die Verschwörer vergeblich unter ihre Kontrolle zu bringen versuchten.

Der Präsident machte die Bewegung eines einstigen Verbündeten, des im US-Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen, für den Putschversuch verantwortlich. "Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen", sagte Erdogan. Gülen wies die Anschuldigung vehement zurück und verurteilte den Putschversuch.

International wurde der Putschversuch ebenfalls scharf verurteilt. Die Vereinten Nationen, die EU, die USA und Russland zeigten sich besorgt und riefen zu Gewaltverzicht auf. Dagegen wurden aus der syrischen Hauptstadt Damaskus Freudenschüsse gemeldet. Erdogans Regierung gehört zu den Gegnern von Syriens Präsident Baschar al-Assad.

Währungen reagieren

Der Putschversuch hat die Landeswährung am Freitag abstürzen lassen. Ein Euro kostete 3,3671 Lira. Am Donnerstag hatte der Kurs noch 15 Cent niedriger gestanden. Der US-Dollar legte zur Lira um 14 Cent zu.

Eine deutliche Reaktion auf das Geschehen am Bosporus war auch beim Währungspaar EUR/CHF zu sehen. Der Schweizer Franken hatte sich in den Abendstunden kurzzeitig zum Euro deutlich aufgewertet. Bevor die Putsch-News durchgesickert waren, stand der Kurs bei etwa 1,0873 CHF und fiel dann rasch bis auf 1,0839 CHF. Zuletzt wurde der Euro zu 1,0847 CHF gehandelt.

(SDA/AWP)