Ringen um grenzüberschreitende ÖV-Tarife in der Region Basel

Basel (awp/sda) - Im grenzüberschreitenden öffentlichen Verkehr in der trinationalen Region Basel macht ein Tarif-Dschungel den Fahrgästen das Reisen schwer. Doch in einem Jahr soll mit einer gemeinsamen regionalen deutsch-schweizerischen Tarifstruktur vieles einfacher werden.
29.12.2016 12:00

Künftig sollen Tickets "grenzenlos" von und zu allen Haltestellen in den Verbundgebieten des Tarifverbunds Nordwestschweiz (TNW) und des deutschen Regio Verkehrsverbunds Lörrach (RVL) gelöst werden können, wie TNW-Geschäftsführer Adrian Brodbeck im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda sagt. Darauf arbeiten die beiden Tarifverbünde in gemeinsamen Arbeitsgruppen hin.

Im Regionalverkehr fahren derzeit die Tramlinie 8 sowie mehrere Bus- und S-Bahn-Linien über die deutsch-schweizerische Grenze. Die Fahrt auf einer grenzüberschreitenden ÖV-Strecke kostet heute unterschiedlich viel, je nach Fahrtrichtung. Für längere Strecken braucht es zudem zwei Tickets: eines vom TNW und eines vom RVL.

Künftig werden Hin- und Rückfahrt über die Grenze gleich teuer sein. Ziel ist es, neu im grenzüberschreitenden Regionalverkehr auf dem Schweizer Abschnitt auch das Halbtax-Abonnement anrechnen zu lassen. Gekauft werden müssen Billetts indes weiterhin am Ausgangsort der einzelnen Fahrt. Einführen wollen die beiden Verbünde die neue Tarifstruktur in einem Jahr.

POLITISCHE FORDERUNGEN

Brodbeck bezeichnet die Einigung als weiteren Schritt in Richtung "virtuellen trinationalen Tarifverbund über alle Landesgrenzen". Bereits seit 1995 arbeiten TNW und RVL bei Tickets zusammen. Angeboten werden mit der gemeinsamen "RegioCardPlus" etwa Monats- und Jahresabonnements, die in beiden Verbundgebieten gültig sind, sowie Tageskarten. Bei den Einzelfahrten gebe es indes Nachholbedarf.

Eine trinationale ÖV-Tariflösung wird in Basel seit Jahren auch auf politischer Ebene immer wieder gefordert. Mitte Dezember schrieb die Regiokommission des baselstädtischen Parlaments in ihrem jüngsten Jahresbericht von einer weiterhin "höchst unbefriedigenden Situation"; der ÖV über die Grenzen müsse kundenfreundlicher werden.

Im Herbst überwies der Grosse Rat zudem eine Motion an die Regierung, die eine Anerkennung des Monats- und Jahresabonnements des TNW namens "U-Abo" auf allen grenzüberschreitenden Bus- und Tramlinien fordert. Eine einfache Lösung wird dabei auch für das Schweizer Generalabonnement (GA) und das Halbtax-Abonnement verlangt.

GA UND HALBTAX NUR BIS GRENZE GÜLTIG

Die Diskussionen um die ÖV-Tarife im Dreiland erneut angefeuert hatte im Sommer die Ankündigung, dass GA und Halbtax auf der grenzüberschreitenden Tramlinie 8 nach den ersten zwei Betriebsjahren ihre Gültigkeit verlieren. Seit 11. Dezember müssen GA- und Halbtax-Besitzer für die Fahrt von Basel ins deutsche Weil am Rhein neu ein Anschlussticket kaufen.

Für alle Billetts gelte grundsätzlich das Territorialprinzip, erklärt Brodbeck. Der zuständige Verbund hat Anrecht auf ein Entgelt eines Fahrgastes. GA und Halbtax sind nur in Schweizer Verbünden gültig; auch der TNW endet an der Landesgrenze.

Für grenzüberschreitende Fahrten von GA und Halbtax-Besitzern auf der Tramlinie 8 hatte die BVB, beziehungsweise der Kanton Basel-Stadt, dem RVL während der zweijährigen Versuchsphase ein Entgelt für die Einnahmeausfälle bezahlt. Dieses "Sponsoring" war als Förderung der Region Basel als gemeinsam erlebbaren Raum gedacht und basierte auf gewissen Annahmen, sagt Brodbeck.

FRANKENSCHOCK-KONSEQUENZ

Mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 benutzen indes wesentlich mehr Fahrgäste aus allen Landesteilen die Tramlinie 8, wie Brodbeck weiter sagt. Dies habe die ursprüngliche Ausgangslage wesentlich verändert.

Zudem sei der Gedanke "Ich bleibe in 'meinem' grünen Tram sitzen und bezahle nichts, auch wenn dieses über die Grenze fährt" falsch, sagt Brodbeck. Für deutsche Grenzgänger sei selbstverständlich, dass sie auf grenzüberschreitenden Linien mit ihrem deutschen Abonnement nicht bis an den Arbeitsplatz irgendwo in Basel fahren können.

Dass hingegen das U-Abo auf der gesamten Tramlinie 8 gültig ist, mache es indes nicht einfacher. TNW und RVL hatten sich hier auf ein "Tauschgeschäft" geeinigt. Während U-Abo-Besitzer die gesamte Linie 8 gratis benützen können, fahren deutsche Abonnementsinhaber auf der grenzüberschreitenden Buslinie 55 bis in die Stadt Basel kostenlos. Damit seien Begehrlichkeiten für eine weite Anerkennung auf allen Linien geweckt worden, sagt Brodbeck.

LÖSUNG FÜR FRANKREICH AUF ZIELGERADE

Noch komplizierter ist die Situation im Regionalverkehr mit Frankreich. Die französischen Buslinien, die aus dem Elsass über die Grenze nach Basel fahren, haben ein rein französisches Tarifsystem. Erlaubt sind deshalb aus rechtlichen Gründen nur Grenzfahrten. Die Busse dürfen an den Haltestellen innerhalb der Schweiz keine Fahrgäste ein- und wieder aussteigen lassen.

Der TNW strebt indes laut Brodbeck auch hier eine einfache Lösung für regionale Fahrten über die Grenze an. Im nahen Frankreich gibt es jedoch keinen Tarifverbund; Gemeinden bestellen bei Unternehmen einzelne Linien. Zudem gibt es keine ÖV-Linien zwischen Frankreich und Deutschland, was eine trinationale Einbindung "verkompliziere".

Für die neue Tramlinie 3, die ab Dezember 2017 Basel mit dem französischen Saint-Louis verbindet, ist jedoch gemäss Brodbeck eine Lösung für Einzelbilletts auf der Zielgeraden. Eingebunden werden dürften dabei auch die französischen Buslinien in die Schweiz. An einer Lösung für die U-Abo-Gültigkeit auf dem französischen Abschnitt der Tramlinie 3 wird derzeit gearbeitet.

Später will der TNW laut Brodbeck mit den französischen Gemeinden in Richtung einer trinationalen Tarifstruktur weiterverhandeln. Diese bleibe das Ziel - auch wenn der TNW mit grenzüberschreitenden Fahrten derzeit nur gut zwei Prozent seines Umsatzes erwirtschafte. Im Vordergrund stehe die Kundenfreundlichkeit, damit es künftig kein "Expertenwissen für Grenzfahrten" mehr brauche.

(AWP)