Risiko von Atomkatastrophen wird laut Studie unterschätzt

Bern (awp/sda) - Die Zahl der Störfälle in Atomkraftwerken hat in den letzten Jahrzehnten zwar abgenommen, doch bleibt die Gefahr von Atomkatastrophen gross. Das Risiko werde systematisch unterschätzt, sagen Risikoexperten der ETH Zürich und der Universität von Sussex in Grossbritannien.
30.10.2016 14:38

Die Wissenschaftler haben diesen Sommer in Fachzeitschriften Forschungsergebnisse zu Fragen veröffentlicht, die im Abstimmungskampf zur Atomausstiegsinitiative diskutiert werden.

Die Befürworter der Initiative argumentieren, das Risiko steige mit zunehmendem Alter der Reaktoren. Die Gegner kontern, die Schweizer Atomkraftwerke gehörten zwar zu den ältesten der Welt, doch seien sie ständig nachgerüstet worden.

INSGESAMT WENIGER VORFÄLLE

Die Risikoforscher haben die Daten zu 216 sicherheitsrelevanten Vorfällen zwischen 1952 und 2014 statistisch analysiert. Dabei sind sie zum Schluss gekommen, dass aus Unfällen Lehren gezogen werden. Die Zahl der Ereignisse hat deshalb seit den 1960er Jahren abgenommen. In diesem Sinne werde die Atomenergie tatsächlich sicherer, schreiben die Forscher.

Unterschätzt werde aber die Wahrscheinlichkeit grosser Unfälle. Der nächste könnte gemäss der Studie früher geschehen als angenommen: Mit weltweit 388 Reaktoren liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es alle 60 bis 150 Jahre zu einem Unfall in der Grössenordnung von Fukushima kommt, bei über 50 Prozent.

Eine weitere solche Katastrophe in den nächsten Jahrzehnten ist also wahrscheinlicher als keine. Ein Kernschmelz-Unfall in der Grössenordnung von jenem im US-Atomkraftwerk Three Mile Island ist sogar alle 10 bis 20 Jahre zu erwarten. Dieser Unfall ereignete sich im Jahr 1979.

MANGELNDE TRANSPARENZ

Dass sie die Risiken damit höher einschätzen als die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA), erklären die Forscher mit dem umfangreichen Datenmaterial, das sie berücksichtigten. Dieses habe den doppelten Umfang von jenem bisheriger Studien.

Wenn mehr Daten berücksichtigt würden, könnten statistische Regelmässigkeiten identifiziert werden, die für das Verständnis grosser Ereignisse wichtig seien, schreiben die Forscher. Sie weisen darauf hin, dass allein in den französischen Kernkraftwerken pro Jahr 600 bis 800 kleine Vorkommnisse zu verzeichnen seien, die nicht rapportiert würden, obwohl sie für die Sicherheit ebenfalls eine Rolle spielten.

In den Schlussfolgerungen halten die Forscher fest, die Risiken der Atomenergie für die Gesellschaft seien immer noch "sehr hoch". Um das Risiko von Katastrophen zu minimieren, müssten an den Reaktoren, die überwiegend der zweiten Technik-Generation angehörten, umfassende Änderungen vorgenommen werden, sagt der Studienleiter.

HUNDERTE VON MILLIARDEN

Von den 216 sicherheitsrelevanten Ereignissen, welche die Wissenschaftler untersucht haben, kostete rund die Hälfte inflationsbereinigt mehr als 20 Millionen US-Dollar. Ein solches Ereignis kommt durchschnittlich 1 bis 1,4 Mal pro Jahr vor.

Geschieht ein solcher Unfall, liegt die Wahrscheinlichkeit bei fast 10 Prozent, dass er zu einer Katastrophe mit Kostenfolgen von über einer Milliarde Dollar führt. Die Kosten von Tschernobyl beziffern die Forscher auf fast 260 Milliarden US-Doller, jene von Fukushima auf über 166 Milliarden. Tschernobyl als teuerste Katastrophe kostete damit fast gleich viel wie alle anderen Vorfälle zusammen.

Aus Sicht der Risikoexperten eignet sich die Betrachtung einer grossen Zahl von Ereignissen und deren Kosten am besten, um vergangene Störfälle zu analysieren und daraus Aussagen über die Wahrscheinlichkeit künftiger abzuleiten.

KRITIK AN INES-SKALA

Die Risikoforscher kritisieren aber nicht nur die konventionelle Methode der Risikokalkulation, sondern auch die internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES). Diese hat sieben Stufen, von der Störung (1) bis zum katastrophalen Unfall (7). Aus Sicht der Forscher ist die Skala unpräzis und inkonsistent.

Für Unfälle wie Tschernobyl oder Fukushima müsste es eine Stufe 10 oder 11 geben, damit die Relationen gewahrt und die tatsächlichen Folgen abgebildet würden, heisst es in der Studie. Die Autoren vergleichen die INES-Skala mit der Mercalli-Skala für die Stärke von Erdbeben, die durch die Richter-Skala abgelöst wurde.

Die Forschungsergebnisse von Didier Sornette, Spencer Wheatley und Benjamin Sovacool wurden in den Fachzeitschriften "Energy Research & Social Science" und "Risk Analysis" publiziert.

Über die Atomausstiegsinitiative wird am 27. November abgestimmt. Diese war nach der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 lanciert worden. Die Initianten verlangen, dass die Laufzeit der Schweizer Atomkraftwerke auf 45 Jahre befristet wird.

(AWP)