«Russische Börse hat viel Negatives verdaut»

Angesichts der geopolitisch heiklen Lage schrecken Anleger vom Kauf russischer Aktien zurück. Dennoch gibt es Sektoren, in die es sich zu investieren lohnt, sagt Barings-Fondsmanager Michael Levy im Gespräch mit cash.
21.10.2014 00:59
Von Frédéric Papp
Michael Levy, Fondsmanager Baring Asset Management, im cash-Video-Interview.
Bild: cash

Die Sanktionen der Europäischen Union und der USA belasten die russische Wirtschaft zusehends, ausländische Investoren ziehen Kapital ab. Der russische Leitindex RTS ist seit dem Ausbruch der Krise um 25 Prozent eingebrochen. Auch am russischen Devisenmarkt gibt es Turbulenzen. So rollt der Rubel auf ein Rekordtief zu. Die Geduld der Russland-Investoren wird somit erneut strapaziert, befinden sich doch russische Aktien seit dreieinhalb Jahre im Sinkflug.

 

Kursentwicklung der Moskauer Börse in den letzten 5 Jahren, Quelle: Bloomberg

Der Ukraine-Konflikt, die Sanktionen des Westens und die Schwäche des Rubels sind die drei grössten Probleme, mit denen Russland zu kämpfen hat. Dazu kommen noch der Sturz des Ölpreises, ebenso wie die schwächelnde Binnenkonjunktur.

Russische Aktien zum Schnäppchenpreis

Gross ist denn auch der Bewertungsabschlag im Vergleich zu anderen Schwellenländern. Russlands Aktienmarkt zählt mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von fünf zu den weltweit günstigsten Börsen – entsprechend verlockend ist ein Einstieg in russische Papiere.

Michael Levy, Manager des Baring Russia Fund, rät denn auch zum selektiven Engagement bei russischen Aktien. "Sehr viel Negatives ist eingepreist", sagt er im cash-Video-Interview. Gleichzeitig warnt Levy: Der Markt komme erst zur Ruhe, wenn es in der Ukraine eine nachhaltige politische Lösung gebe.

Die russische Facebook-Aktien ist ein Kauf

Russland verfügt durchaus über interessante Wachstumsaktien, insbesondere im Technologie- und Internetsektor. Levy streicht Russlands grösstes Social-Media-Unternehmen namens Mail.RU hervor. Bewertungsmässig wird die Aktie mit einem KGV von 14 gehandelt, was im Branchenvergleich tief ist.

Das russische Pendant zu Facebook verdient Geld mit Werbung und Value-added-Services, wie zum Beispiel dem Verkauf von Emoticons. Am interessantesten sei aber die Gaming-Plattform. "Mail.RU entwickelt und vertreibt sehr ausgefeilte Computergames übers Internet", sagt Levy. Viele russische Haushalte verfügen noch nicht über Internet, entsprechend gross sei das Wachstumspotenzial.

Russland ist eine zwei-Billionen-Dollar-Volkswirtschaft mit einer Bevölkerung von 140 Millionen Menschen. Damit zählt das Land zu den Top zehn Volkswirtschaften der Welt. Dazu kommt: Russland kann auf eine wichtige Ressource zurückgreifen: Know-How. Dieses ist auf das gute Bildungssystem zurückzuführen – ein Relikt aus dem Kommunismus. "Es gibt ein riesiges Reservoir an Mathematikern, Physikern, Ingenieuren oder Informatikern", so Levy.

Hände weg von Öl- und Gasaktien

Vor allem der Öl- und Gassektor ist aus volkswirtschaftlicher Sicht sehr wichtig für Russland. Ein Grossteil der Staateinnahmen stammt aus diesem Bereich. Öl- und Gasfirmen dominieren denn auch den russischen Markt. Trotz der Grösse steckt Fondsmanager Levy kaum Geld in den Sektor. "Wir untergewichten diese Firmen signifikant." Deren Management handelt laut Levy oft nicht zu Gunsten der Aktionäre, sondern verfolgt die strategischen Ziele der russischen Regierung. In diesem Zusammenhang wird immer wieder Gazprom genannt.

Die aktionärsfeindliche Unternehmensführung schreckt Anleger verständlicherweise ab. Die Erinnerung an den Fall Yukos ist noch vielen präsent. Yukos, einst einer der grössten Erdölförderung und Petrochemiekonzern der Welt, ging vor gut acht Jahren Pleite, nachdem die russische Regierung deren Eigentümer wegen angeblichen Steuervergehen im Jahr 2003 festnahm.

Anleger brauchen einen langen Atem

Wenig bekannt ist Anlegern die in die Wege geleiteten Reformen im Finanz- und Kapitalmarkt durch die Regierung Putin. So wurde laut Levy zum Beispiel die Moskauer Börse restrukturiert. Die Regierung erliess ein Gesetz, das Firmen verpflichtet, Dividenden im Umfang von mindestens 25 Prozent des Nettogewinns auszuschütten. Die durchschnittliche Dividendenrendite liegt inzwischen bei 5 Prozent.

Risikotolerante Anleger haben diverse Möglichkeiten in den russischen Aktienmarkt zu investieren. Direktinvestments in Einzeltitel ist aber nur Kennern vorbehalten. Alternativ bieten sich Anlagefonds an. Allerdings brauchen Anleger einen langen Atem. Allein in diesem Jahr verloren Anleger mit Russen-Fonds zwischen 19 und 27 Prozent. Noch schlechter sieht die Minusperformance über einen Zeitraum von fünf Jahres aus. Erst wer vor 10 Jahren Fondsanteile erwarb, kann sich heute meist über eine positive Rendite freuen.

Auswahl an Anlagefonds auf russische Aktien

Fonds Rendite seit 1.1.14 Rendite 5 Jahres (kumuliert) Rendite (10 Jahre kumuliert)
Danske Invest Russia T (EUR) -24% -15% +46%
Baring Russia Fund (USD) -25% -31% +25%
Jyske Invest Russian Equities (EUR) -19% -31% +8%
Valartis Russian Market Fund (USD) -27% -34% +1%
Credit Suisse Russia Equity Fund B (USD) -25% -25% -7%

Quelle: morningstar.ch/cash.ch, Stand: 20. Oktober 2014

 

Im cash-Video-Interview äussert sich Michael Levy über Renditechance und Risiken beim Investieren in Grenzmärkte wie Vietnam, Bangladesch oder Nigeria.