exklusiv

«Russland handelt gegen seine Interessen»

Gibt es in der Ukraine Chancen auf Frieden und wie steht es um Russlands Wirtschaft? Im Interview mit cash gibt der ehemalige russische Aussenminister Andrei Kozyrev Auskunft.
23.03.2015 01:39
Interview: Ivo Ruch, Amsterdam
Andrei Kozyrev war unter Boris Jelzin Aussenminister Russlands.
Andrei Kozyrev war unter Boris Jelzin Aussenminister Russlands.
Bild: iNg

Andrei Kozyrev (geboren 1951) war zwischen 1991 und 1996 russischer Aussenminister in der Regierung unter Boris Jelzin. Er vertrat einen reformerischen Kurs und verfolgte Annäherungen an die unabhängigen Sowjet-Republiken. Zudem arbeitete er an strategischen Partnerschaften mit den USA und dem Westen. Seit 2000 ist er als Manager, Berater oder Verwaltungsrat für verschiedene internationale Firmen tätig und lebt hauptsächlich in den USA.

cash: Es ist nun ein Jahr her, seit prorussische Kämpfer die Krim annektierten. Wie stehen die Chancen für Frieden in der Region?

Andrei Kozyrev: Viel hängt davon ab, was die Europäische Union beschliesst. Ganz speziell unter dem Druck des tiefen Ölpreis hört Russland besonders hin, was die Europäische Union sagt. Ich bin jedoch pessimistisch. Es gibt immer noch viel Potenzial für Feindseligkeiten in Osteuropa.

Wie stark leidet Russland unter den westlichen Sanktionen?

Das ist schwierig zu sagen, weil diese Sanktionen fast gleichzeitig mit dem tiefen Ölpreis kamen. Und diese beiden Faktoren beeinflussen dieselben Bereiche: Finanzielle Stabilität und die Wechselkurse. Ich würde sagen, 70 Prozent des Wirtschaftseinbruchs stammen vom Ölpreis und 30 Prozent von den Sanktionen.

Steht Russland vor einem finanziellen Kollaps?

Russland hat immer noch genügend Gold- und Devisenreserven. Auch die Einnahmen aus dem Ölhandel sind immer noch gross. Die meisten Unternehmen sind noch in der Lage, Steuern zu bezahlen. Der Ölpreis müsste noch einmal um 50 Prozent einbrechen, um das Land an den Rand eines Kollapses zu bringen. Aber es sind dennoch schwierige Zeiten.

Gibt es in Russland trotzdem noch Investment-Möglichkeiten?

Ja, aber die aktuelle Situation bedarf genauer Analyse. Denn es ist sogar schwieriger geworden als zu Zeiten der weltweiten Finanzkrise. Das gestiegene Risiko bedeutet aber gleichzeitig, dass es in bestimmten Gebieten sehr lohnende Möglichkeiten gibt.

In welchen Gebieten zum Beispiel?

In der Pharma-, der Telekom- oder der IT-Industrie. Sogar im Detailhandel, auch wenn diese Industrien alle sehr kompetitiv sind. Gerade in Zeiten der Krise bieten sich gute Opportunitäten, aber nur mit langfristiger Strategie. Die Belohnung kann dann umso grösser ausfallen.

Gibt es Geschäftsfelder, in denen Russland weltführend ist?

Ich würde die Herstellung von Waffen nennen. Auf dem internationalen Militärmarkt ist Russland ziemlich erfolgreich und nach den USA wohl der zweitgrösste Waffenexporteur. Das deutet Potenzial an. Unter dem Druck des tiefen Ölpreises nimmt die russische Regierung vielleicht weitere Reformen an die Hand. Dadurch könnten militärisch genutzte Technologien mittels Spin-offs auch auf den breiten Markt gelangen. Die amerikanischen Rüstungsfirmen haben das bereits geschafft. Boeing beispielsweise macht nur noch 30 bis 40 Prozent des Umsatzes mit Produkten für das Militär. Darauf warten wir in Russland noch.

Als Aussenminister galten Sie als pro-westlich. Wie weit entfernt von der damaligen Situation ist Russland heutzutage?

Sie ist radikal anders. Zu meiner Zeit hätte ich die Maidan-Revolution in der Ukraine als Chance und als positive Entwicklung angesehen. Denn eine Annäherung der Ukraine an Europa böte auch Russland Opportunitäten. Die Ukraine ist ja rein geographisch sozusagen eine natürliche Brücke zwischen Europa und Russland. Doch das bedingt, dass Russland gewillt ist, sich in Richtung wirtschaftlicher und politischer Strukturen des Westens zu bewegen. Aber das Russland von heute sieht sich von Feinden umzingelt und dementsprechend hat es auf die Revolution in der Ukraine reagiert.

Welche Rolle kommt dabei der russischen Aussenpolitik zu?

Die russische Aussenpolitik hat einen grossen Vorteil. Kaum jemand fordert sie heraus. Mit Ausnahme der ehemaligen Sowjet-Republiken werden Russlands Grenzen von niemandem bedroht. Und auch diese Länder sind keine wirklichen Bedrohungen für Russland. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein einzelner Staat oder auch die Nato Russland ernsthaft herausfordern würde. Es ist ein Verdienst von Putin, dass es keinen Grenzstreit mit China gibt. Deshalb ist die russische Aussenpolitik in erster Linie Innenpolitik, die von den russischen Eigeninteressen abhängt. Ich sah Russland, und das tue ich immer noch, als Teil des Westens. Das ist für mich die fortschrittlichste Zivilisation. Da gehört Russland hin. Aus meiner Sicht handelt Russland entgegen seinen Interessen, wenn es sich vom Westen isoliert.

Wenn Sie und Ihre Regierung länger an der Macht geblieben wären, wäre Russland heute Teil der Europäischen Union?

Auf die eine oder andere Art und Weise, ja. Russland ist ein sehr grosses Land. Obwohl die meisten Russen eine europäische Identität haben, liegt ein Teil des Landes in Asien. Dank den guten Beziehungen zwischen Russland und China, die aufzubauen mithalf, profitiert Russland von der wirtschaftlichen Stärke Chinas. Aber China sollte nicht als einzige Alternative zu Europa angesehen werden. Denn so bringt man sich in eine schwache Verhandlungsposition. Russland muss nach Osten und nach Westen offen sein. Aber Russland ist nicht Polen, dessen Integration in die EU und die Nato ein Erfolg ist. Wichtig ist, dass Russland aufgeschlossen bleibt. Das heisst nicht, dass es Mitglied der EU oder der Nato sein sollte. Mein Standpunkt war immer: Wir wollen Teil des Westens sein. Aber es könnte auch ein spezielles Arrangement sein. Es stellt sich immer die Frage des Wie. Man muss kreativ sein. Ich bin einfach nicht einverstanden damit, dass sich Russland aktiv vom Westen distanziert.

Die Schweiz hat auch ein spezielles Arrangement und lebt ziemlich gut damit.

Genau. Jedes Land, ob gross oder klein, sollte seinen eigenen Weg finden. Aber es wäre auch für die Schweiz ein Fehler, sich als Festung zu verstehen, die von Feinden umzingelt ist. In meiner Zeit als Diplomat war ich immer fasziniert vom Umstand, dass die Schweiz nicht Uno-Mitglied, aber trotzdem ein wichtiger Uno-Standort war. Auch das ist in Ordnung, solange man die Uno nicht dämonisiert. So wie es Russland mit der Nato macht. Auch die Schweiz und Österreich sind umringt von Nato-Mitgliedern und haben ein sehr gutes Leben. Russland ist sogar eine Atommacht und muss doch erst recht keine Angst vor der Nato haben.

Das Gespräch mit Andrei Kozyrev fand an der Morningstar Institutional Conference in Amsterdam statt. cash war an diesem Anlass Medienpartner.