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SBB: Vom Aushängeschild zum Makel

Tumultartige Szenen in überfüllten Schweizer Zügen, und mittendrin ausländische Touristen. Das schadet dem Image des Schweizer Tourismus.
25.09.2014 00:30
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.
Bild: cash

Letzten Samstag hatte ich Glück im Unglück. Ersteres ergab sich daraus, dass ich mit dem 8:32-Uhr-Zug von Zürich nach Bern eine der letzten Verbindungen vor der TGV-Panne erwischte, die zu einem SBB-Chaos im Mittelland führte. Der unglückliche Umstand war: Ich musste an diesem Wochenende eben wieder einmal die Dienste der SBB in Anspruch nehmen.

Nach der Abfahrt in Zürich an diesem Samstag bot sich im Doppelstöcker das mittlerweile vertraute Bild: Ein überfüllter Zug mit Reisenden, die auf dem Boden und auf den Treppen Platz nehmen mussten - sofern sie nicht einen Stehplatz vorzogen. Darunter auch Individualreisende aus Fernost auf Erkundungstour durch die Schweiz. In ihren Gesichtern konnte man die Verwunderung und den Stress ablesen.

Fahrt von Thun nach Zürich am Sonntagnachmittag, Wochenend-Rückreisewelle: Käfighaltung. Die Reisenden standen bis weit in die Wagenmitte. Spätestens ab Bern kams an den verstopften Treppen zu tumultartigen Szenen. Junge japanische Touristinnen wurden zur Seite gequetscht, eine von ihnen war den Tränen nahe. Ich erinnerte mich da an meine Reisen im Bahnland Japan, die ein Genuss waren. Und ich schämte mich ein wenig.

Etwas relaxter nahm es die indische Familie, die eine Woche zuvor im Zug von Grindelwald nach Interlaken im Gepäck- und Velowagen auf dem Boden Platz nehmen musste. Weil sie sich Unannehmlichkeiten im öffentlichen Verkehr vom Heimatland gewohnt sind?

Das Problem der überfüllten Züge auch an Wochenenden ist ja schon seit Jahren bekannt. Ebenso bekannt, aber noch immer nicht nachvollziehbar ist der Umstand, dass die SBB mit Spezialaktionen und vergünstigten Gruppenbillets das Reisen an Wochenenden noch fördern.

Die Entwicklungen im Schweizer Bahnverkehr sollten Organisationen wie Schweiz Tourismus zu denken geben. Die Schweiz präsentiert sich vor allem in Fernost als Premium-Feriendestination. Die Touristen, gerade wenn sie individuell die Schweiz erkunden, lassen sich die Reisen etwas kosten. Die Erwartungshaltung ist hoch.

Bitter dann, wenn die Touristen auf solche Zustände im Schweizer Bahnwesen stossen. Denn die Leistung stimmt nicht mit dem Preis überein. Und schon gar nicht mit dem makellosen Bild, das die Schweiz gerade in solchen Ländern geniesst. Die SBB droht zum Makel für den Schweizer Tourismus zu werden.