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Schlappe für Wirtschaftselite

Die Stimmbürger sagen deutlich Ja zu Thomas Minders Initiative. Das Resultat ist Ausdruck eines tief sitzenden Unbehagens in der Bevölkerung. Doch das interessierte und interessiert das Wirtschaftsestablishment nicht.
04.03.2013 06:30
Von Daniel Hügli, Chefredaktor cash
Daniel Hügli, Chefredaktor cash.

Acht Jahre dauerte Thomas Minders Kampf gegen die Lohnexzesse an den Schweizer Unternehmensspitzen. Lange Zeit wurde seine Volksinitiative gegen die Abzockerei in Bern verschleppt. Doch auch das nützte nichts.

Nun erringt der umtriebige Mundwasser-Hersteller aus Schaffhausen einen überwältigenden und auch auf internationaler Ebene beispiellosen Sieg. Ebenso beispiellos ist die Watsche und die Schmach für das Schweizer Wirtschaftsestablishment.

Man mag argumentieren, Minders Initiative habe populistische Züge. Man kann auch einwenden, sie habe viele Denkzettel-Wähler angelockt, die nur selten an die Urnen gehen. Wahr ist aber: Auch Leute mit sehr hohem Einkommen stimmten für die Initiative. Und auch solche, die aus Arbeitsplatz-Gründen vordergründig die Initiative ablehnten, aber ein "Ja" in die Urne legten. Kurz: Minders Initiative hat eindeutig einen Nerv getroffen.

Minder und seine Anliegen wurden bis zum Schluss nicht ernst genommen, die Stimmung im Volk auf grobfahrlässige Weise ignoriert. Das Wirtschaftsestablishment zeigte kein Interesse für Einwände, wie eine breite Masse über Vergütungen der Top-Verdiener denkt. Und "jene Teile der Wirtschaft, die vor allem am Pranger stehen, interessieren sich auch kaum für die Niederungen der Schweizer Innenpolitik", wie Politologe Michael Hermann im cash-interview sagt.

Die Wirtschaftselite verwedelte die Abzocker-Diskussion stattdessen mit Begriffen wie Neidkultur und beförderte damit diejenigen, die am Sonntag ein "Ja" in die Urne legten, ins Reich der Laster und Todsünden. Und man verliess sich auf die traditionellen Angstmacher-Kampagnen im Vorfeld von Abstimmungen: Arbeitsplatzverlust, Standortnachteile und so weiter.

Es ist nicht das, was die Wähler hören wollten. Sie wollten in den letzten Jahren Taten und Beweise sehen, dass in Zeiten von latenter Arbeitsplatzunsicherheit und Lohnerhöhungen zwischen 0 und 1,5 Prozent für die breite Arbeitnehmerschaft die Lohnschere nicht noch weiter auseinanderdriftet. Die Taten blieben aus.

Die Wähler nahmen zur Kenntnis, dass mit Ausnahme von sanften Boni-Bändigungsversuchen im Bankenbereich eigentlich alles beim Alten blieb. Den schönsten Beweis dafür lieferte kürzlich Daniel Vasella mit seinem mit klarem Menschenverstand nicht mehr nachvollziehbaren Konkurrenzverbots-Vertrag. Doch bereits da war die Abstimmung für die Wirtschaft verloren.

Die politisch Linke hat in den nächsten Monaten weitere Initiativen wie die 1:12- oder die Bonusbesteuerungsinitiative in Vorbereitung. Bis zuletzt hörten wir, dass dieser neue Angriff aufs Lohngefüge die Wirtschaft wenig kümmert.