Schweizerischer Arbeitgeberverband gibt Tessin stärkere Stimme

Die Personenfreizügigkeit hat im Tessin seit langem einen schweren Stand. Am Donnerstag nutzte der Schweizerische Arbeitgeberverband die Vorstellung ihres neuen Vizepräsidenten dazu, um in Lugano eine Lanze für den freien Personenverkehr zu brechen. Die negativen Folgen sollen gleichfalls bekämpft werden.
02.02.2017 14:15

Das Tessin sei kein Sonderfall, sondern ein Vorbote für viele Entwicklungen in der Schweiz, sagte der neue Vizepräsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, Gian-Luca Lardi. Er wurde am Donnerstag in Lugano vorgestellt. Lardi ist seit 2015 ebenfalls Präsident des Schweizer Baumeisterverbands.

Wer die Akzeptanz der Personenfreizügigkeit in der Bevölkerung langfristig sicherstellen wolle, der müsse auch alles Nötige unternehmen, um die Schwachstellen zu bekämpfen. Das Tessin sei dafür ein gutes Beispiel. Es lebe und leide erheblich unter den Entwicklungen der Personenfreizügigkeit. So sei es beispielsweise schwer zu überwachen, ob Mindestlöhne bei ausländischen Arbeitern, die im Kanton kurzfristig aktiv sind, immer eingehalten werden.

UNTERNEHMER BEKLAGEN IMAGEVERLUST

Das Grenzgänger für die Tessiner Wirtschaft überlebenswichtig seien, davon ist der Baumeisterverein Tessin überzeugt: In seiner Branche seien 50 Prozent Grenzgänger - es sei schwer, das geeignete Personal vor Ort zu finden, sagte Nicola Bagnovini. Ein in Vollzeit tätiger Maurer verdiene 4500 Franken brutto.

Die Verwerfungen auf dem Tessiner Arbeitsmarkt schadeten auch dem Ansehen der Unternehmer in der Region, beklagte Fabio Regazzi.

Der CVP-Nationalrat und Präsident der Tessiner Industrievereinigung (AITI) rief eine Studie der Beobachtungsstelle für die regionale Politik in Lausanne in Erinnerung, die kürzlich veröffentlicht wurde. Sie zeige ein ambivalentes Verhältnis. Einerseits werde das Unternehmertum zwar als "Sprungbrett" aus der Krise angesehen. Im Südkanton gebe es zahlreiche KMU, das sei ein Zeichen der Stärke.

Andererseits würden die Unternehmer aber auch für Lohndumping, Verschmutzung und Verkehr verantwortlich gemacht, so Regazzi. Dieses Gefühl sei gefährlich, weil es gerade jetzt darauf ankomme, alle Kräfte zusammen zu spannen.

EINHEIMISCHES PERSONAL NICHT ERSETZT

Sowohl Regazzi als auch Lardi sind sich einig, dass die Personenfreizügigkeit zwischen der Schweiz und der EU fundamental sei.

Lardi pocht darauf, dass bestehende Regeln, gerade bei sogenannten entsendeten Arbeitern, noch strenger eingehalten werden. Der Arbeitgeberverband-Vizepräsident erinnerte daran, dass der Unterschied der Wohlstandsniveaus zwischen Italien und der Schweiz erheblich sei. Eine "rote Linie" ziehe er dort, wo einheimisches Personal durch Grenzgänger ersetzt werde.

Eine Studie der Universität USI war im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) im vergangenen Jahr zum Schluss gekommen, dass die erhöhte Zahl der Grenzgänger und der ausländischen Wohnbevölkerung das Arbeitslosigkeitsrisiko für die einheimische Bevölkerung im Tessin nicht erhöht habe.

Die Forscher wiesen damals daraufhin, dass der Zusammenhang zwischen der Beschäftigung von ausländischen Arbeitnehmern und der Lohnentwicklung der einheimischen Bevölkerung nicht analysiert wurde. Gerade dieser Punkt sorgte damals bei Tessiner Politikern und Medien bei der Veröffentlichung der Studie für Gesprächsstoff.

(AWP)