«Seien Sie einfach froh, dass Sie einen Job haben»

Der Brexit setzt Londons Banker unter zusätzlichen Druck. Viele sind dankbar, wenn sie ihren Job behalten können.
10.07.2016 20:39
Blick auf den Londoner Finanzdistrikt mit dem als «The Gherkin» bekannten Geschäftshaus.
Blick auf den Londoner Finanzdistrikt mit dem als «The Gherkin» bekannten Geschäftshaus.
Bild: Bloomberg

"Seien Sie einfach froh, dass Sie einen Job haben." Das ist die Botschaft, die Investmentbanken in London in diesem Jahr an ihre Mitarbeiter übermitteln werden, sagen Manager und Personalberater. Die Bonus-Töpfe werden ihrer Meinung nach wohl um mindestens ein Viertel geringer ausfallen - nach der Entscheidung der Briten, die Europäische Union (EU) zu verlassen.

Der Ausgang des Referendums dürfte Beratungen zu Fusionen und Übernahmen ausbremsen. Hinzu kommen womöglich höhere Kosten, weil Mitarbeiter von London aus an andere Standorte verlegt werden müssen.

Im September werde es wohl zu einer weiteren Runde an Stellenkürzungen in London kommen, sollten die Aktivitäten der Kunden nicht wieder an Fahrt gewinnen, sagen mehrere Bank-Manager, die namentlich nicht genannt werden wollen.

Banken befinden sich in dramatischem Umbau

"Geringere Erträge und niedrigere Gewinne bedeuten, dass die Vergütungen niedriger sein werden", erklärte auch HSBC-Holdings-Chairman Douglas Flint vergangene Woche in einem Interview mit Bloomberg, als er gefragt wurde, ob sich der Brexit bei der Bezahlung von Bankern in London bemerkbar machen werde.

Das Brexit-Votum hat bereits zu reichlich Unruhe an den Märkten geführt und könnte Investments einfrieren. Das ist ein weiteres Problem für europäische Finanzdienstleister wie Deutsche Bank, Barclays und Credit Suisse, die sich inmitten eines dramatischen Umbaus befinden.

In der Folge werden viele Bonuszahlungen in diesem Jahr bei null liegen. Und mit Blick auf die kommenden Jahre dürften Banken die Vergütungen genauer prüfen, um die Kosten zu senken.

"Die Realität holt uns ein. Heute geht es darum, den Job zu bewahren, und weniger um Boni", meint Jason Kennedy, Chef des Londoner Personalberaters Kennedy Group. "Die Dinge werden sich ändern." Und einige Leute sollten seinen Worten zufolge gar nicht erst mit einem Bonus rechnen.

Von einer Bankenkrise zur nächsten

London hangelt sich seit 2008, als zehntausende Arbeitsplätze mit der Verstaatlichung von Royal Bank of Scotland Group und der Pleite von Lehman Brothers gestrichen wurden, von einer Krise zur nächsten.

"Selbst ohne das Ergebnis des Referendums sah dieses Jahr bereits sehr hart aus", sagt Jon Terry, Partner bei PricewaterhouseCoopers in London. Er prognostiziert, dass die Boni bei europäischen und britischen Finanzfirmen wohl um mindestens 25 Prozent sinken werden. Terry verweist auch darauf, dass den Banken womöglich weiterhin Strafen ins Haus stehen, etwa im Zusammenhang mit Libor.

"Seit der Finanzkrise gab es eine dauerhafte Notwendigkeit, die Ausgaben im Zusammenhang mit Vergütungskosten umzubauen", meint Terry. "Brexit ist möglicherweise der grösste Einzelkatalysator für die nächste Stufe an Reduzierungen."

Brexit-Unsicherheit bremst Investitionen

Goldman Sachs zufolge wird der Geschäftseinbruch im Beratungsgeschäft weitergehen. Unsicherheit dazu, wie der Brexit genau aussehe, bremse Investments.

Das Referendum ist verantwortlich dafür, dass mehrere Transaktionen abgesagt oder neu bewertet wurden. Schon vor dem Votum war das Volumen an weltweit angekündigten Fusionen gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 11 Prozent gesunken. Bei Aktienemissionen weltweit ging das Volumen sogar um mehr als die Hälfte zurück.

"Das ist eine tolle Gelegenheit, die Schuld auf den Brexit zu schieben und die Leute wissen zu lassen, dass sie Glück haben, überhaupt einen Job zu haben", sagt Stephane Rambosson, Managing Partner beim Personalberater DHR International in London. Er glaubt, dass die Boni in einigen Bereichen um 30 Prozent oder mehr fallen könnten.

(Bloomberg)