September, der heisse Monat für die Zentralbanken

Der September ist der Monat der Währungshüter: Rund um die Welt fallen geldpolitische Entscheidungen. Für die Schweiz könnte das bedeuten, dass Ende Monat verschärfte Negativzinsen zu Buche stehen. Der Fahrplan.
31.08.2016 23:15
Von Marc Forster
Das Währungs- und Zinsgefüge der Welt könnte sich im September ändern.
Das Währungs- und Zinsgefüge der Welt könnte sich im September ändern.
Bild: Bloomberg

Am 8. September findet die nächste zinspolitische Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) satt. Am 15. September, nicht ohne Grund eine Woche später, stellt die Schweizerische Nationalbank (SNB) ihre geldpolitische Lagebeurteilung vor.

Am 20. und 21. September richten sich die Augen nach Washington, wenn sich der mächtige Offenmarktausschuss der Federal Reserve trifft. Was immer Chef-Notenbankerin Janet Yellen entscheidet, die Fed wird Aktien- und Obligationenmärkte beeinflussen und inbesondere auch die Schwellenländer betreffen. Auch die Bank von Japan und die Bank von England halten im September Sitzungen der obersten Verantwortlichen für die Währungspolitik statt.

Mehrere Optionen für Draghi

Zwischen der EZB-Sitzung und der SNB-Geldpolitikentscheids besteht ein enger Zusammenhang. Die Frankfurter Währungshüter um Mario Draghi könnten angesichts der Schieflage der Eurozone, die jüngst durch die desolate Lage von Italiens Banken akzentuiert worden ist, erstmals Negativzinsen einführen. Genaugenommen geht es um den Hauptrefinanzierungssatz der Euro-Zentralbank, der aktuell bei Null ist und von EZB-Direktorium in den Minusbereich gesetzt werden könnte. Die Hauptsorgen der EZB gelten dem schwachen Wachstum der Eurozone und der zu tiefen Teuerung: Die Inflation beträgt aktuell 0,2 Prozent, die EZB hätte gerne 2 Prozent, und sie fürchtet eine Deflation.

Ökonomen bezweifeln, ob die EZB schon nächste Woche Negativzinsen einführt. Die Notenbank sieht sich noch mit Alternativen ausgestattet: Sie kann genausogut ihr Quantitative Easing weiter ausweiten, entweder im Umfang oder bei den Instrumenten: Nachdem sie erst Staatanleihen aufkaufte und nun bereits in den Markt für Unternehmensanleihen vorgedrungen ist, könnte sie beispielsweise auch mit Aktienkäufen beginnen, mutmassen einige Beobachter. Den darbenden italienischen Bankensektor wird sie möglicherweise versuchen, mit Liquiditätsspritzen einigermassen aufrechtzuerhalten.

SNB-Entscheid hängt mit EZB zusammen

Die SNB wird auf die EZB-Entscheidung reagieren. SNB-Chef Thomas Jordan und dem SNB-Direktorium wäre es recht, wenn die EZB auf Negativzinsen verzichten würde. Tut Frankfurt dies trotzdem, muss sich die SNB überlegen, ob sie eine angemessene Zinsdifferenz zur EZB wahren will oder nicht. Ökonomen sind sich nicht einig, ob die SNB die Negativzinsen bei diesem Szenario von -0,75 auf -1 senken wird. Nach Bekanntwerden des EZB-Entscheids sind eventuell klarere Prognosen möglich.

In der Schweiz blickt man der Möglichkeit von noch tieferen Negativzinsen mit einer gewissen Sorge entgegen. Sparer fürchten, dass die Banken auf Sparguthaben einen Strafzins erheben, Pensionskassen und Vorsorgedienstleister sind schon seit Januar 2015, als Negativzinsen Realität wurden, mit der Senkung von Verzinsungen beschäftigt.

Aus der Finanzindustrie und aus dem politisch bürgerlichen Spektrum steht die SNB bereits in der Kritik: Ex-Banker Oswald Grübel und Pierin Vincenz, SVP-Politiker Christoph Blocher und der konservative Ökonom Martin Janssen bezweifelten in der Sonntagspresse die Wirkung der Negativzinsen. SNB-Direktorin Andréa Maechler sagte in einem Interview dagegen, die Negativzinsen verhinderten eine Aufwertung des Franken. Die SNB, die ihre Entscheidungen unabhängig treffen muss, steht auf jeden Fall wie schon bei früheren Entscheidungen - etwa der Einführung und der Aufhebung der Euro-Kursuntergrenze 2011 und 2015 - vor ihrer nächsten Zinsentscheidung unter politischen Druck.

Fed-Treffen lässt Mutmassungen blühen

Thomas Jordan könnte aber am 15. September auch Angaben zu Deviseninterventionen machen. Dass die Schweizer Notenbank Währungen aufkauft, um die Aufwertung des Frankens zu bremsen, ist seit langem bekannt. In letzter Zeit hat das Direktorium auch häufiger bestätigt, dass man eingreife, zuletzt am Tag nach dem Brexit-Votum im Vereinigten Königreich am 24. Juni. Die Währungsreserven der SNB belaufen sich mittlerweile auf 665 Milliarden Franken.

Während die SNB-Entscheidungen vor allem in der Schweiz und bei Franken-Investoren ein grosses Thema ist, erregt das Fed-Treffen kurz nach der Monatshälfte weltweite Aufmerksamkeit. Die Äusserungen der einzelnen obersten Notenbanker der USA sind unterschiedlich; Dennoch glauben Beobachter zu erkennen, dass sich ein Zinsschritt von 0,25-0,5 Prozent um 0,25 Prozent abzeichnet. Die Fed hat im vergangen Dezember die Zinsen erstmalig nach fast zehn Jahren angehoben und ein Fahrplan zu einer allmählichen Zinssteigerung wurde damals angedeutet.

Umstritten ist aber, ob die Fed schon im September mit den Zinsschritten weiterfährt. Ausschlaggebend ist, wie die Fed die amerikanischen Konjunkturdaten interpretiert. Weitere mögliche Daten für eine Anhebung der Zinsen sind die Sitzungen des Offenmarktausschusses am 1. und 2. November und am 13. und 14. Dezember.

Tokio, London und eventuell Peking

Das geldpolitische Karussell dreht sich im September indessen weltweit. Am 21. September findet das geldpolitische Treffen der Bank von Japan statt, am 22. September veröffentlich die Bank von England den Inhalt eines Treffens des zentralen Financial Policy Commitees. Diese beiden Zentralbanken sind vor allem für jene Investoren wichtig, die in Yen- oder Pfund-Anlagen investiert sind. Das geldpolitische ultralockere Japan hofft weiter auf den Erfolg der "Abenomics", während sich Grossbritannien wirtschaftlich und politisch mit dem Austritt aus der EU beschäftigt.

Daneben ist immer auch denkbar, dass die Regierung und die Zentralbank von China in das Wirtschafts- und Finanzgeschehen eingreifen. Zwar hat sich die konjunkturelle Lage in China etwa beruhigt, doch das Regime mit seinem zentral gesteuerten politischen und wirtschaftlichen Apparat achtet genau darauf, wie sich die Stabilität der zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt entwickelt.

Möglich ist theoretisch, dass Ende September noch alle geldpolitischen Parameter gleich sind wie heute. Die unterschiedliche Gangart der Notenbanken wird aber weiterhin deutlich, Veränderungen dürften die Kluft zwischen weltweiten Währungsräumen nur vergrössern. Und hierzulande vergeht kaum ein Tag, an dem die Negativzinsen ihren Weg in die Schlagzeilen finden - so oder so.