Sind Wirtschaftsdaten «schöngetrickst»?

Messen wir die Leistungsstärke von Volkswirtschaften, dann verlassen wir uns auf Daten wie das Bruttoinlandsprodukt oder die Arbeitslosenzahl. Doch nicht immer sind diese Zahlen so eindeutig, wie sie scheinen.
16.07.2015 01:05
Von Pascal Züger
«Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast» gilt als alte Weisheit unter Statistikern.
«Traue keiner Statistik, die Du nicht selber gefälscht hast» gilt als alte Weisheit unter Statistikern.

Länder haben ein Interesse daran, ihre eigene Volkwirtschaft besser aussehen zu lassen, als es tatsächlich der Fall ist. Sei es, um im Ländervergleich besser dazustehen oder um eigene Misswirtschaft zu vertuschen. So soll Griechenland überhaupt nur dank frisierten Angaben über das Haushaltsdefizit die Mitgliedschaft in den Euro-Raum "ermogelt" haben. Und diesen Montag wurde Spanien von der EU wegen einer manipulierten Statistik zum Haushaltsdefizit zu einer Geldstrafe von 19 Millionen Euro verdonnert.

"In vielen Bereichen der Wirtschaftsstatistik besteht ein gewisser Spielraum bei der Datenmessung" meint Michael Siegenthaler von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Auch in der Schweiz, in den USA und China sind die Statistiken nicht immer so eindeutig, wie man zunächst denken mag.

"BIP-Statistiken sind notorisch fehleranfällig", sagt auch Felix Brill, Chefökonom von Wellershoff & Partners auf Anfrage von cash. Zwar gäbe es international viele Bemühungen, die Vergleichbarkeit von Wirtschaftsdaten zu erhöhen und die Datengenauigkeit zu verbessern. Ganz genaue Erhebungen seien jedoch nie möglich. "In vielen Bereichen ist man für die Ermittlung der Wertschöpfung auf Schätzungen angewiesen, die immer mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet sind", so Brill weiter.

Zwei verschiedene Arbeitslosenzahlen in der Schweiz

Wissen Sie, wie hoch die Arbeitslosigkeit in der Schweiz derzeit ist? Falls Sie jetzt 3,1 Prozent sagen, liegen Sie zwar nicht falsch, haben sich jedoch an der häufig zitierten Berechnungsmethode des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) orientiert, welche für internationale Vergleichen nicht taugt.

In der Statistik des Seco werden nur Personen als arbeitslos erfasst, die bei einem der regionalen Arbeitsvermittlungsämter (RAV) offiziell als arbeitslos registriert sind. Das Problem daran: Gewisse erwerbslose Personen melden sich erst gar nicht beim RAV, da ihnen die Bürokratie zu viel ist oder sie nicht auf das Geld angewiesen sind. Zusätzlich fallen Langzeitarbeitslose oft aus der Statistik, da sie ausgesteuert wurden – sprich: Sie bekommen kein Arbeitslosengeld mehr. Viele melden sich deshalb beim RAV ab und verschwinden aus der Arbeitslosenstatistik.

Für internationale Vergleiche sieht die Berechnung noch einmal anders aus. Dazu werden die Arbeitslosenzahlen gemäss den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ermittelt. Hier gilt als arbeitslos, wer ohne Arbeit ist, in den letzten vier Wochen aktiv nach einer Stelle gesucht hat und zur Aufnahme einer Stelle innerhalb von zwei Wochen verfügbar wäre. Diese Definition verwenden die meisten Länder, auch die EU. Es tauchen so auch Personen in der Statistik auf, die nicht im RAV gemeldet sind. Gemäss neusten Zahlen betrug die so berechnete Arbeitslosigkeit in der Schweiz im ersten Quartal 2015 4,4 Prozent -  und damit deutlich mehr als bei der Seco-Berechnung.

Im Unterschied zur Seco-Methode ist es beim international verwendeten Ansatz nicht so leicht, an exakte Zahlen zu kommen. Deshalb wird diese Erwerbslosenquote in der Schweiz anhand von Telefoninterviews und Hochrechnungen ermittelt und nur vierteljährlich erhoben. Die Grafik unten zeigt, wie stark sich die Arbeitslosigkeit der letzten Jahre in der Schweiz unterschied, je nachdem, welche Methode verwendet wurde.

Quellen: Seco und BFS

KOF-Experte Michael Siegenthaler zweifelt indes nicht an der Qualität der Schweizer Daten: "Die Schweizer Arbeitslosigkeit wird ziemlich vertrauenswürdig evaluiert." Das Problem bestünde einzig darin, dass zwei verschiedene Methoden zur Bemessung der Arbeitslosigkeit existieren und die konzeptionell unterlegene davon von der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen werde.

Diskussion um die Arbeitslosenzahlen in den USA

In den USA gibt es immer wieder Diskussionen und teilweise auch Verschwörungstheorien über absichtliche Manipulationen der Wirtschaftsdaten durch die US-Regierung. So zweifelt beispielsweise der Macher der Website shadowstats.com, John Williams, stark an der Qualität der Messung makroökonomischer Indikatoren.

Die Grafik unten zeigt grosse Abweichungen der Arbeitslosigkeit nach unterschiedlichen Messmethoden. Während die rote Linie die offiziellen Arbeitslosenzahlen der USA darstellt, zeigt die graue Linie die breiter gefasste Arbeitslosigkeit, bei der US-Behörden beispielsweise auch Teilzeitarbeiter einbeziehen, die keinen Vollzeitjob gefunden haben. Die blaue Linie beruht auf Berechnungen gemäss der Erhebungsmethode von Shadowstats.com.

Grafik: shadowstats.com

Brill hält eine absichtliche Verfälschung der US-Daten durch die Regierung für Humbug. Im Gegenteil: "Die USA sind ein Vorbild für viele andere Statistikbehörden. Sie stellen eine riesige Datenbank über einen langen Zeitraum mit sehr detaillierten Daten zur Verfügung." Aber auch diese Werte seien natürlich nicht immer exakt, fügt Brill an. Das sieht man auch daran, dass es immer wieder Revisionen gibt, bei denen einzelne Werte korrigiert werden müssen.

Die mysteriösen Wirtschaftsdaten aus China

Hinter die chinesischen Wachstumszahlen wird ebenfalls immer wieder ein grosses Fragezeichen gesetzt. Im Jahr 2011 behauptete der chinesische Finanzprofessor Lang Xianping, dass die offiziellen chinesischen Wirtschaftszahlen alle gefälscht seien. Er schätzte die wahre Inflation viel höher, und die BIP-Wachstumsrate viel tiefer ein, als offiziell angegeben.

"Chinesischen Behörden brauchen nach Quartalsende zwei Wochen für die Ermittlung ihrer BIP-Statistiken, die Schweiz als viel kleineres Land benötigt hingegen zwei Monate - allein das zeigt, dass bei Chinas Daten sehr grosse Vorsicht geboten ist", zeigt sich auch Ökonom Brill sehr skeptisch über die Zuverlässigkeit chinesischer Wirtschaftsdaten.

Fragen wirft auch der Fakt auf, dass die Summe der Wirtschaftsleistungen der einzelnen Provinzen Chinas das BIP des Landes regelmässig übersteigt, obwohl die beiden Zahlen identisch sein müssten. Im Jahr 2014 betrug diese Differenz stolze 4,8 Billionen Yen - oder umgerechnet rund 730 Milliarden Franken. Eine Zahl, die ungefähr einem Jahres-BIP der ganzen Schweiz entspricht.