SNB-Chef Jordan sieht Blockchain nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung

Zürich (awp) - Dezentrale Abwicklungssysteme wie Blockchain sind kein Ersatz für traditionelle Finanzdienstleistungen. Daher soll der Finanzsektor nur unter bestimmten Bedingungen dem Innovationsdruck nachgeben, mahnt Thomas Jordan, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank (SNB), in einem am Montag in Genf gehaltenen Referat. Zur aktuellen Geldpoltik der SNB äusserte sich Jordan indes nicht.
26.09.2016 12:30

Allerdings sei die Ergänzung bestehender Technologien vor allem im Zahlungs- und Wertschriftenverkehr durchaus denkbar, sagte Jordan anlässlich der Sibos-Konferenz 2016. Thema des Vortrags war "Die Finanzmarktinfrastrukturen im Spannungsfeld zwischen Stabilität und Innovation". Dabei lag sein Fokus auf der Sicherstellung der finanzmarktspezifischen Grundfunktionen innerhalb des Technologiewandels.

DIGITALE INNOVATIONEN FÖRDERN GESAMTWIRTSCHAFT

Innovative Technologien wie die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs hätten dazu beigetragen, dass das bargeldlose Zahlen für Kunden "günstiger und einfacher" geworden ist, so Jordan laut Redemanuskript, "wenn auch die Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung gerade im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr noch nicht ausgeschöpft sind".

Als weiteres Beispiel führte er die Entmaterialisierung des Wertpapiers an, die eine effizientere Abwicklung und -verwahrung ermögliche, was zudem eine grössere zeitliche Flexibilität und geografische Unabhängigkeit von Finanztransaktionen mit sich bringe. All dies sei ein grosser Mehrwert der digitalen Transformation, so Jordan. "Die Schalterhalle unserer Bank befindet sich heute in Form einer App auf unserem Smartphone", fasst er zusammen und ergänzt, dass solche Innovationen die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt gesteigert haben.

Für Regulatoren und Zentralbanken bestehe die Herausforderung nun darin, die Aus- und Nebenwirkungen von neuen Technologien frühzeitig und richtig einzuschätzen. Dies gelte insbesondere für systemische Finanzmarktinfrastrukturen. Deshalb sei es die Pflicht der SNB, "die richtigen Regeln zu erlassen, um die Sicherheit - also die Stabilität, Widerstandsfähigkeit und Verfügbarkeit - von Finanzmarktinfrastrukturen ungeachtet des technologischen Wandels zu wahren."

DEZENTRALISIERUNG HAT GRENZEN

Bis anhin seien Sicherheit und Effizienz gleichbedeutend mit einer "möglichst vollständigen Zentralisierung" gewesen, so Jordan. Heutzutage führten neuste Technologien aber dazu, dass solche Drittinstanzen wie das "Swiss Interbank Clearing" (SIC), die eine Transaktion über eine zentrale Infrastruktur abwickeln, als "unnötige Kostenverursacher" angesehen werden. Neue Ansätze wie die "Distributed Ledger" und "Blockchain" versprächen dagegen grosse Kosteneinsparungen.

Als Beispiel nennt Jordan die Abwicklung von Wertschriften, die Abstimmungen von Transaktionen zwischen Banken und dem Drittsystem "obsolet" machen. "Das alte Ziel der Effizienzsteigerung soll somit neu mit dem entgegengesetzten Prinzip, also Dezentralisierung statt Zentralisierung, besser erreicht werden", sagt er dazu.

Er glaube aber nicht, dass sich die Dezentralisierung bei allen Finanzmarktfunktionen und -infrastrukturen durchsetzen wird. Viele bestehende Finanzmarktinfrastrukturen seien bereits heute "sehr kompetitiv". Dagegen hätten neue Technologiezeigen sehr hohe Einstiegshürden. Systeme wie SIC seien aber bereits kostengünstig und erfüllten hohe Sicherheitsanforderungen, so Jordan, "im Unterschied dazu muss die Distributed-Ledger-Technologie diesen Nachweis erst erbringen".

EMISSION VON ZENTRALBANKGELD ALS ANWENDUNGSMÖGLICHKEIT

Trotzdem sieht der Präsident des Direktoriums der SNB durchaus Anwendungsbereiche des Distributed-Ledger-Ansatzes. Denkbar wäre beispielsweise die Abwicklung und Verwahrung von Wertschriften. Schliesslich sei es sehr wahrscheinlich, dass zukünftig ein Zusammenspiel von konventionellen und neuen Technologien gebe. Dabei nennt Jordan das Beispiel der Wertschriften. Einerseits könne die Abwicklung wertschriftenspezifischer Informationen über ein Distributed Ledger erfolgen, während andererseits die Zahlung für die Wertschriftenabwicklung weiterhin über ein traditionelles zentrales Zahlungssystem abgewickelt werde.

Neue Technologien sind gemäss Jordan auch deswegen für Zentralbanken von grosser Bedeutung, weil sie neue Möglichkeiten zur Emission von Zentralbankgeld bieten. Dieses Thema werfe aber noch "eine Reihe notenbankpolitischer Fragen auf, die vertieft untersucht werden müssen", so Jordan. Die SNB verfolge und analysiere die Entwicklungen auf diesem Gebiet aufmerksam und stehe in regem Dialog mit Marktteilnehmern, Regulatoren und anderen Zentralbanken.

Abschliessend hielt Jordan fest, dass die SNB den neuen Technologien neutral gegenüber stehe. Man bewerte Innovationen mit Blick auf die Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben. Dabei stünden die Hauptkriterien Sicherheit und Effizienz im Vordergrund.

sta/ra

(AWP)